von unserem Mitarbeiter Thomas Hümmer

Wolfsdorf — Genau 75 Jahre ist es nun her, dass vorwiegend Frauen und Kinder aus Birkenhördt Haus und Hof verlassen mussten und nach Wolfsdorf evakuiert wurden. Grund dafür war der Zweite Weltkrieg und die Nähe der Gemeinde aus der Südpfalz zu Frankreich. Diesen Jahrestag nahmen 80 Birkenhördter mit ihrem Bürgermeister, Matthias Ackermann, zum Anlass, die Freundschaft beider Orte mit einem Besuch und der Unterzeichnung einer Urkunde zu besiegeln.
Weil die Wolfsdorfer im vergangenen Jahr bei ihrem Besuch in Birkenhördt so liebevoll empfangen und verköstigt wurden, war es selbstverständlich, dass sie ihre Pfälzer Freunde nun ihrerseits zu einem gemütlichen Dorffest mit fränkischen Spezialitäten bewirteten. Der Abend fand in der Maschinenhalle der Familie Weiß statt. Für die musikalische Unterhaltung der Gäste während des Abendessens sorgte die "Nothelferkapelle".

Rückblick auf die Geschichte

Ortssprecher Andreas Weiß begrüßte die Anwesenden. Er legte den genauen Grund der Evakuierung der Pfälzer dar: Am Morgen des 1. September 1939 beschossen deutsche Soldaten von See aus einen Posten der polnischen Armee bei Danzig. Daraufhin erklärten Frankreich und England Deutschland den Krieg. Daraufhin ordneten die deutschen Behörden die sofortige Räumung in der sogenannten "roten Zone" an. Dies war ein Geländestreifen entlang der französischen Grenze in einer Tiefe bis zu 20 Kilometer, erzählte Weiß.

Augenzeugin berichtet

Als Augenzeugin kann sich Anneliese Dinkel noch daran erinnern, dass die männlichen Einwohner von Birkenhördt Ende August 1939 im Rahmen einer Mobilmachung in die Kaserne nach Bergzabern einrücken mussten. Die Familien, überwiegend Frauen und Kinder, gelangten zunächst nach Miltenberg und im weiteren Verlauf in den Landkreis Lichtenfels und nach Wolfsdorf.
Bei allem Leid hatten diese schlimmen Kriegszeiten auch gute Seiten. So ist daraus eine dauerhafte Freundschaft zwischen den Wolfsdorfern und den Birkenhördtern entstanden, die auch von den nächsten Generationen aufrechterhalten wird, sagte der Ortssprecher.
Der Bürgermeister der Gemeinde Birkenhördt, Matthias Ackermann, freute sich über die enge Verbundenheit der Orte. Er dankte allen, die zum Gelingen des Abends und der Fahrt beigetragen haben, besonders beim Organisator, dem Pfälzer Peter Ehrhardt.

Urkunde unterzeichnet

Ackermann und Weiß unterzeichneten eine Freundschaftsurkunde und pflanzten eine Birke. Der von Wolfsdorfern und Birkenhördtern gepflanzte Baum ist Ausdruck der Dankbarkeit für Hilfe in einer schweren Zeit und Sinnbild für den Erhalt der Freundschaft auch in der Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen".
Die Pfälzer Freunde waren nicht mit leeren Händen nach Wolfsdorf gekommen. Sie überbrachten neben Pfälzer Wein auch eine Front eines Weinfasses, auf dem auf der einen Seite die Kirche und die Friedenskapelle aus Birkenhördt sowie auf der anderen Seite die Basilika Vierzehnheiligen und die Wolfsdorfer Kapelle zu sehen sind. Zum Erstaunen aller Wolfsdorfer floss sogar aus dem angebrachten Hahn Wein heraus.

Hölzernes Ortsschild überreicht

Stefan Bornschlegel, Vorsitzender der Wolfsdorfer Theatergruppe, brachte seinen Dank für die überbrachten Geschenke zum Ausdruck und übergab stellvertretend für die Ortsvereine an Peter Ehrhardt eine Gruppenaufnahme, die im vergangenen Jahr an der Friedenskapelle in Birkenhördt entstand und ein Ortsschild aus Holz, das mit dem Frankenwappen und der Aufschrift "Wolfsdorf 320 km" versehen ist.
Die Idee zur Unterzeichnung der Freundschaftsurkunde hatte der gebürtige Wolfsdorfer Klaus Dinkel. Er bezeichnete sich selbst als "Ergebnis" aus der Ehe zwischen einer Pfälzerin (Anneliese Engel) und einem Wolfsdorfer (Josef Dinkel). Dinkel fragte, wie sich die Birkenhördter vor 75 Jahren gefühlt haben mussten, als sie ihren gesamten Viehbestand abgeben und mit unbekanntem Ziel ihre Heimat verlassen mussten. "Welche Gefühle und Gedanken hatten die Birkenhördter und die Wolfsdorfer, als sie von der Einquartierung erfuhren?", fragte er weiter. Über die vielen Jahre hinweg blieb eine tiefe und innige Freundschaft zwischen den beiden Orten, die mittlerweile schon auf die zweite Generation übergegangen ist, sagte er. Dinkel wünschte sich, dass die Anwesenden niemals mehr so eine schwere Zeit durchleben müssten.
Anschließend feierten die Wolfsdorfer bis in den Morgen hinein mit ihren Gästen unter den Klängen der Birkenhördter Musikanten das Wiedersehen.