von unserem Redaktionsmitglied 
Günter Flegel

Buttenheim — Kann eine Hose Rockgeschichte schreiben? Ja, sie kann. Die Blue Jeans aus den Schneiderwerkstatt des Buttenheimer Emigranten Löb (Levi) Strauss ist ein Paradebeispiel dafür, dass simple praktische Dinge zu einem gigantischen Erfolg werden können, wenn man eben nicht nur das Ding verkauft.
Im Fall dieser besonderen Hose kauft man auch den amerikanischen Traum, den Glauben an die Freiheit und an unbegrenzte Möglichkeiten, es ist ein bisschen Wilder Westen und Flower Power, ein Traum, der nach Pferd riecht, nach Asphalt und Benzin, der wie ein Achtzylinder klingt und wie der Auspuff der Harley in der kalifornischen Sonne funkelt ...
Der Bub aus Buttenheim schaffte es mit dem Fetzen Stoff vom Tellerwäscher zum Millionär, ein Traum, den die allerallermeisten heute vergeblich träumen, die Strauss' Werk an den Nähmaschinen in Bangladesh weiterführen. Wie es wohl überhaupt mehr Millionäre gibt, die zu Tellerwäschern werden als umgekehrt ...
Eine Hose macht den Gedanken Beine: Die Jeans ist heute in vielerlei Hinsicht ein Kulturgut: Basisausstattung im Kleiderschrank längst nicht mehr nur der Jugend, teures Designerstück und Massenware auf dem Wühltisch, ins Gerede gekommen wegen der Arbeitsbedingungen in den Herstellerländern, wegen des Wasserverbrauchs und umweltschädlicher Farbstoffe und Bleichmittel ...

Die Flucht nach Amerika

Das alles war weit, weit weg, als das Schiff mit Familie Strauss aus Buttenheim 1848 in Rotterdam die Segel setzte - Kurs Westen, Ziel Amerika. Der Beginn dieses amerikanischen Traums war alles andere als sonnig, es ist eine der ungezählten tragischen Geschichten dieser Zeit: Löb Strauss, so sein ursprünglicher Name, wurde am 26. Februar 1829 als jüngster Sohn von Hirsch und Rebecca Strauss in Buttenheim geboren. Sein Vater betrieb wie viele fränkische Landjuden einen Hausierhandel mit Tuch und Kurzwaren, der für die neunköpfige Familie gerade das Nötigste abwarf.
1846 starb Hirsch Strauss an Tuberkulose. Sein Tod brachte die Familie in Not. Deshalb entschied sich die Mutter 1848 mit den drei jüngsten Kindern nach Amerika auszuwandern. Dort hatten sich bereits einige Jahre früher die beiden ältesten Söhne niedergelassen und einen Textilhandel gegründet. Die Familie fasste in New York Fuß (Quelle: Levi Strauss Museum).
Der entscheidende Wendepunkt im Leben vom Levi Strauss waren die Nachrichten von den Goldfunden in Kalifornien, die sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land verbreiteten. Damals hatte der gar nicht mehr so Wilde Westen seinen Mythos zu einem guten Teil verloren. Siedler und Soldaten hatten die Indianer aus ihrem angestammten Land verdrängt, die Büffelherden waren verschwunden.
Das Goldnugget, das James W. Marshall auf dem Gelände von Sutter's Farm nördlich von San Francisco im Januar 1848 entdeckte, schuf einen neuen Mythos: Hunderttausende machten sich auf in den goldenen Westen. San Francisco war im Januar 1848 ein Provinznest mit nicht einmal 1000 Einwohnern. Ein paar Monate später platzte die Stadt mit 25 000 Glücksrittern wie die Klamotten der Goldsucher aus allen Nähten, die sozialen und hygienischen Verhältnisse stanken zum Himmel.

Eine Hose wird zur Goldgrube

Reich und glücklich wurden die wenigsten "Digger"; das Geschäft mit ihrem täglichen Bedarf aber wurde für Händler und Bankiers zur wahren Goldgrube. Einer der glücklich Tüchtigen war Levi Strauss. 1853 folgte er dem Lockruf des Goldes von der Ost- an die Westküste. Er gründete in San Francisco einen Großhandel für Stoffe und Kurzwaren. Im Sortiment war alles, was die Pioniere benötigten: Zahnbürsten, Hosenträger, Knöpfe, feiner Zwirn ...
Nur eines fehlte im Sortiment, und da beginnt sich die Geschichte von Löb mit der Legende Levi zu vermischen: Immer wieder, so ist überliefert, fragten Kunden nach besonders robusten Hosen. Strauss hatte zwar Beinkleider aus Segeltuch ("Duck Pants"), im Angebot, aber die hielten nicht lange: Nähte und Taschen rissen schnell, nicht nur, wenn der glückliche Abenteurer sie mit Goldnuggets vollstopfen konnte.
Just zu dieser Zeit, um 1872, erhielt Strauss einen Brief von einem Kunden aus Reno in Nevada, einer von Siedlern auf dem Weg nach Westen neu gegründeten Stadt. Der Schneider Jacob Davis, der bei Strauss Stoffe bezog, schilderte ein von ihm entwickeltes Verfahren, die besonders empfindlichen Stellen der Arbeitshosen mit Nieten aus Pferdegeschirren zu verstärken. Davis wollte sich die Idee patentieren lassen, hatte aber nicht genug Geld für den Antrag. Er bat Strauss um Hilfe, und der ließ sich nicht lange bitten.
Am 20. Mai 1873 wurde das Verfahren offiziell patentiert: "Patent US 139 121: Improvement in fastening pocket-openings. Angemeldet am 9. August 1872, veröffentlicht am 20. Mai 1873, Anmelder: Jacob W. Davis; Levis Strauss & Co, Erfinder: Jacob W. Davis"

Einmal Cowboy sein ...

Der Rest der Legende ist Geschichte: Die genieteten Hosen wurden zum Verkaufsschlager, die Levis Strauss Company erlebte ihren ganz besonderen Goldrausch. Bis zu seinem Tod 1908 arbeitete Davis für Strauss und kümmerte sich unter anderem um das Überseegeschäft; der clevere Händler aus Buttenheim aber schaffte es, die Hose ausschließlich unter seinem Namen unters Volk zu bringen: Die Marke Levi's war geboren.
Zunächst begann die Hose ihren Siegeszug in den Vereinigten Staaten, durch und durch als Einwanderer: Der Begriff Blue Jeans ist die Kurzform von "blue genoise", blauer Stoff aus Genua, wo Strauss die mit Indigo gefärbte Baumwolle unter anderem kaufte; der zweite Herkunftsort des Rohmaterials war die französische Hafenstadt Nimes; der Stoff "aus Nimes" (des nimes) heißt bis heute Denim.
Die robusten Baumwollhosen wurden populär, als der gezähmte Westen zum Ausflugsziel wurde: Die Freizeitcowboys trugen Jeans, schließlich auch die Handwerker. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion der Levi Strauss Company von der US-Regierung für kriegswichtig erklärt. Die Montagetrupps der Army trugen Klamotten aus dem Wilden Westen. Und so kam die Jeans schließlich nach Europa, wo sie in den "wilden 50er" und erstrecht in den revolutionären 60er Jahren zum Inbegriff der rebellischen Jugendkultur wurde. (Un)tragbar!
Hose und Kultur, Freizeitklamotte und Geschichte? Man muss nicht in der DDR oder den anderen Ostblockstaaten aufgewachsen sein, um zu wissen, dass diese ganz bestimmte Hose eben nicht Jacke wie Hose ist. Sie steht wie kein anderes Alltagsding für den Traum von Freiheit, was die Bilder vom Fall der Berliner Mauer so eindrucksvoll belegen, dass man zweimal hinschauen muss, um es zu sehen: Die wackeren DDR-Bürger, die am 9. November 1989 das Bollwerk in den Mülleimer der Geschichte traten, trugen beinahe Einheitskleidung: Jeans. Go West!
Rockgeschichte, damit zurück zum Anfang, schrieb Löbs Verkaufsschlager auch: Die Rolling Stones setzten der Hose auf dem Cover des Albums "Sticky Fingers" 1971 ein erotisches Denkmal, und Bruce Springsteen hatte 1984 die Hose an. Weil der Fotograf meinte, dass sein Hintern besser aussieht als sein Gesicht, ziert eine waschechte Levi's den Titel von "Born in the USA". Nicht ganz korrekt, Mister Springsteen: Geboren in Franken!