von unserem Mitarbeiter Markus Häggberg

Lichtenfels — Freispruch in einem Prozess um gefährliche Körperverletzung. Nicht erster Klasse, aber wegen fehlender Beweise. Das Schöffengericht unter Vorsitz von Armin Wagner hielt einem 21-jährigen Lichtenfelser zugute, am 19. Juli 2013 womöglich doch nicht mit beschuhtem Fuß gegen den Kopf eines heute 25-Jährigen getreten zu haben. Staatsanwältin Bianca Franke plädierte noch auf Körperverletzung durch einen Faustschlag. Letztlich sollte dieser aber als Hilfe für einen Angegriffenen gewertet werden.
Beinahe einen ganzen Tag währte die Verhandlung, die unterschiedliche Schilderungen und Zeugenaussagen zum Hergang eines nachmitternächtlichen Geschehens an der Unterführung in Lichtenfels zeitigte. Zwei Gruppen junger Leute gingen demnach gleichzeitig durch die Unterführung, wobei ein Anführer Lieder gegen den 1. FC Nürnberg sang, ein anderer dafür gegen die SpVgg Fürth.

Schläger und Opfer betrunken

Wie sich die Situation dann hochgeschaukelt hat, blieb im Dunkeln. Klar wurde nur, dass der Alkohol eine gewichtige Rolle spielte. Die Männer gerieten in Streit und bald darauf griff auch der Angeklagte ein. Bei ihm wurden in der Tatnacht 1,5 Promille gemessen. Nur wenig abweichend davon war auch der Wert des (vermeintlichen) Opfers. Das hatte zumindest drei Zeugen eindeutig auf seiner Seite. Ein junger Mann und zwei junge Frauen sagten aus, einen Fußtritt des 21-jährigen Angeklagten gesehen zu haben. Just dann, als der 25-Jährige am Boden lag und mit einem Nürnberg-Fan raufte. Zu einer der Besonderheiten des Verfahrens gehörten die schlechten Manieren des 25-jährigen Lichtenfelsers, der gleichfalls davon sprach, "in die Fresse bekommen" zu haben. Ein andermal wollte er "nichts mehr dazu sagen" und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. Erst eine Belehrung Wagners machte ihn gefügiger. Gestützt wurde seine Aussage von einer 16-jährigen Berufsschülerin, die sich sogar an zwei bis drei Tritte ins Gesicht erinnern wollte. Zu diesem Zeitpunkt hätte wohl niemand etwas auf die Unbeweisbarkeit des Vorfalls gegeben. Zwar warfen viele Zeugenaussagen Fragen auf (immerhin gab es auch Stimmen aus der gegnerischen Partei, die eine für den Angeklagten günstige Aussage trafen), aber so deutlich und reflektiert wie ein 22-jähriger Maschinenführer äußerte sich niemand zum Geschehen. Der junge Mann konnte glaubhaft versichern, dass das Opfer selbst auf Streit aus war, diesen dann bekommen hatte, ein Tritt gegen seinen Kopf aber nicht stattfand. Vor allen Dingen rettete den Beschuldigten ein Satz: "Der wollte, dass die aufhören."

Gesplittertes Fenster zugemauert

"Wenn Ihre Aussage stimmt, haben mindestens vier Zeugen eine sehr eigenwillige Aussage gemacht", befand Wagner dazu. Dass Aussagen zur Eigenwilligkeit geneigt haben könnten, zeigte eine weitere Besonderheit im Verfahren. Sie drehte sich um die Erinnerungen an das Bersten einer großen Scheibe eines Lokals, die im Eifer des Gefechts zwischen den beiden Vertretern der Cliquen zu Bruch gegangen ist. Wer genau das zu verantworten hatte, ließ sich nicht ermitteln. Umso mehr sorgte für Erheiterung, als ein junger Mann davon sprach, vom Besitzer des Lokals als Übeltäter ausgemacht worden zu sein, obwohl er es eigener Meinung zufolge nicht war. Dennoch habe er das Fenster zugemauert und dies auch noch auf eigene Kosten.
Der Alkohol verändert die Erinnerungen, bilanzierte Wagner. Er mochte nicht unterstellen, dass es in dem Verfahren vielleicht auch zu Falschaussagen gegen den Angeklagten gekommen sei. Die Zeugen waren des Alkohols wegen an jenem Schützenfesttag in ihrer "Wahrnehmungsfähigkeit nicht optimal ausgerichtet", so Wagner.