Anlässlich eines Familienstreits, bei dem es um gegenseitige Beleidigungen weit unter der Gürtellinie ging, nannte die Strafrichterin Ilona Conver den Versuch, familiären Problemen mit gegenseitigen Strafanzeigen und Rechtsanwälten zu Leibe zu rücken, "ein kostspieliges Hobby". Und tatsächlich ging der Prozess am Amtsgericht in Haßfurt gegen einen 59-jährigen Arbeiter aus wie das berühmte Hornberger Schießen. Bei dem Rechtsstreit, der an die beliebte Fernsehserie mit dem Königlich-Bayerischen Amtsgericht erinnerte, kam nichts heraus. Das Verfahren wurde eingestellt und die Beteiligten aufgefordert, ihre Differenzen wie erwachsene Menschen auszutragen und sich nicht wie in einem Kindergarten aufzuführen.
Auslöser dafür, dass es überhaupt zu der Verhandlung kam, waren angebliche Schimpfwörter, die der Angeklagte seiner 78-jährigen Mutter und seiner Schwester (58) an den Kopf geworfen haben soll. Laut der von Ilker Özalp seitens der Staatsanwaltschaft verlesenen Anklageschrift hat sich der Mann Mitte Juni und nochmals Mitte Juli völlig daneben benommen.
Beim ersten Termin soll er seine Mutter mit dem Götz-Zitat ("Leck mich am A...") traktiert und dann einen Monat später seine Schwester als Erbschleicher und Schleimscheißer tituliert haben.
Der mit seiner Anwältin Jessica Gralher erschienene Beschuldigte erklärte in seiner Einlassung, dass seine Kraftausdrücke lediglich die Antwort auf vorausgegangene wüste Beschimpfungen seitens seiner Angehörigen gewesen seien. Er behauptete, dass seine Mutter, die im selben Haus wie er wohnt, ihre Schwiegertochter, also seine Ehefrau, wiederholt als "faule Sau" runtergemacht und ihn einen Idioten genannt habe. Als Beweis legte er dem Gericht einen handgeschriebenen Zettel vor, auf dem die Mutter den auf ihn gemünzten Satz geschrieben habe: "Du bist ja so was von blöd!" Ob sich die Rentnerin, die acht Kinder großgezogen hat, wirklich so derb ihren Kindern gegenüber benimmt, konnte nicht weiter nachgeprüft werden, weil die als Zeugin geladene alte Dame unentschuldigt fehlte. Die Richterin war nahe dran, deswegen ein Ordnungsgeld zu verhängen.
Immerhin war die ebenfalls als Zeugin geladene Schwester zu dem Gerichtstermin erschienen. Immer wieder, wenn sie zusammen mit ihrem Mann ihre Mutter besucht hatte, habe sie sich die Pöbeleien ihres Bruders anhören müssen. Dabei machte sie keinen Hehl daraus, dass zeitweise auch sie selber Konflikte mit der Mutter hatte und dass mit dieser oft nicht gut Kirschen essen sei. Schließlich entschuldigte sich der Angeklagte halbherzig bei seiner Schwester, die sich damit zufrieden gab und nicht weiter auf eine strafrechtliche Verfolgung bestand.
Weil dem Anklagevertreter Özalp viel daran lag, dass sich die familiären Verhältnisse wenigstens einigermaßen wieder einrenken und die Beteiligten wie vernünftige Menschen miteinander umgehen, stimmte er der von der Rechtsanwältin vorgeschlagenen Einstellung des Strafverfahrens nach kurzer Überlegung zu.
Die Amtsrichterin redete allen Beteiligten nochmals ernsthaft ins Gewissen, ihre Familienprobleme nicht mit Hilfe des Strafrechts lösen zu wollen. Als Richterin, betonte sie, sei sie keine Familientherapeutin.