Von draußen peitscht der Regen gegen die hohen Fenster des Altbaus. Drinnen, in der behaglich warmen Küche, gleichzeitig das Esszimmer, sitzt eine Familie zu Tisch - Katharina Brenner, Christoph Wehr, ihr Lebensgefährte, und Helene, die gemeinsame Tochter. Es gibt Pasta mit Gemüse, frisch zubereitet. Für viele ein gewöhnlicher Moment, jedoch nicht für eine Schauspielerin, nicht für Katharina Brenner - für sie ist jeder dieser Momente kostbar, denn viel Zeit zwischen den Proben bleibt nicht.


Kindheit in Kommune

Dabei kennt Katharina Brenner, 1964 in Heidelberg geboren, als Kind eines erfolgreichen österreichischen Film- und Theaterschauspielers und einer Schauspielerin diese Situation. Sie kennt auch die Situation, wenn die Rastlosigkeit des Berufs die Familie von der einen in die nächste Stadt verschlägt. Denn Katharina Brenner wuchs dort auf, wo ihre Eltern gerade ein Engagement eingingen. Später, Ende der 60er Jahre, ließ sich die Familie südlich von München nieder und lebte dort in einer Kommune. "Ich fand Theater ganz lange scheiße - der Vater war nur auf Proben und hat gearbeitet wie ein Brunnenputzer", erinnert sich Katharina Brenner. Ihr Vater, Hans Brenner, gründete mit Kolleginnen und Kollegen in dieser Zeit das Münchner Volkstheater. Er vertrat eine Art von Theater, die nicht abgehoben und elitär war oder von oben herab die moralische Keule auf das kleinmütige Publikum schwang. "Das Theater hatte eher etwas Familiäres". Etwas, was Zuhause - in der Kommune - oftmals zu kurz zu kommen schien.


Am Scheideweg

Die Kommune löste sich nach und nach auf, und damit auch die Familie. Katharina Brenner war 14 Jahre alt. Sie hielt es Zuhause nicht mehr aus - sie musste raus. Sie zog zu ihrer Mutter, die sich kurz zuvor nach Freiburg aufgemacht hatte. Dort verbrachte Katharina Brenner ihre späte Jugend, ging zur Schule und machte 1984 ihr Abitur. Sie stand an einem Scheidepunkt. Sollte es für sie auch die Schauspielerei sein? Nein! Sie begann ein Studium der Germanistik und Anglistik, brach dieses aber bereits nach kurzer Zeit ab. Danach folgte eine Ausbildung an der Scuola Teatro Dimitri, in der sie eine Grundausbildung in Pantomime, Tanz, Improvisation, Clownerie und Akrobatik absolvierte. Erst in dieser Zeit, als sie sich intensiv mit sich selbst und mit ihrem Körper auseinandersetzte, merkte sie, dass es Theater war, was sie machen wollte: "Ich glaube, dass ich diesen Umweg gebraucht hab, weil ich durch die Familie vorbelastet war", erzählt Katharina Brenner. "Auch mein Vater war dagegen, weil er die Niederungen dieses Geschäfts kannte". Trotzdem besuchte sie ab 1987 das Max-Reinhardt-Seminar in Wien. 1991, nach dem Studium, spielte sie für eine Produktion am Wiener Burgtheater. Als es darum ging zu bleiben, schlug sie das Angebot, eigentlich eine Art Ritterschlag, aus. "Damit schloss sich der Kreis zur Familie", erzählt Katharina Brenner lachend. Das Hochglanztheater war nichts für sie. "Es fehlte das Familiäre".


Die Wende

Nach dem Studium ging es für ein Engagement nach Wuppertal. Dort lernte sie Christoph Wehr, Schauspieler und Theaterpädagoge, kennen und lieben. Gemeinsam probierten sie sich aus, spielten Theater an freien Bühnen, in Hinterhöfen. Zwischendurch wechselte Katharina Brenner in ein festes Engagement. Doch es kam ein Punkt, der eine Wende markierte: "Ich war alt - 40 Jahre - und wollte eine Familie haben". 2004 war es dann so weit. Katharina Brenners und Christoph Wehrs gemeinsame Tochter, Helene, wurde geboren und brachte das ersehnte Familiengefühl und auch Veränderungen in ihr Leben: "Ich wollte als freie Schauspielerin arbeiten, um mir die Zeit selber einteilen zu können." Als Lebensmittelpunk fiel die Wahl auf Köln. Dort sollte Helene aufwachsen. Katharina Brenner spielte an verschiedenen Häusern in Essen und Bochum und trat in kleineren Rollen in verschiedenen Fernsehserien auf. Aber auch die kleine Bühne faszinierten sie: "Man verdient nichts, aber man kann Glück haben und trifft dort tolle Menschen."Diese tollen Menschen, den Freundeskreis und auch das Umfeld der Tochter hat die Familie diesen Sommer nun in Köln zurückgelassen: "Es war eine riesige und schwierige Entscheidung. Es hieß, die Zelte abzubrechen und alles nach Bamberg zu schaffen." Skepsis und Ungewissheit sind jedoch Neugier und Spaß am Theaterschaffen gewichen. Gleich zwei Rollen in "Die Nibelungen" und eine in "Krähwinkel" fordern viel Zeit für Aufführungen und deren Proben.
Im Gegensatz zu früher, zu ihrer Kindheit, gibt es mit Christoph Wehr jedoch eine Konstante. "Das ist etwas Stabiles, im Gegensatz zu den Eltern", erzählt Katharina Brenner, während sie den Esstisch abräumt und unter ihren Füßen der Dielenboden knarzend und ächzend den ans Fenster prasselnden Regen übertönt. Sie hat das, was sie so lange herbeigesehnt hat: Familie.