von unserer Mitarbeiterin Gerda Völk

Burgkunstadt — "Mein Vater hätte sicher sehr viel Freude an den Stolpersteinen gehabt", sagt Evi Iglauer, seine jüngste Tochter. In der Lichtenfelser Straße erinnern fünf Stolpersteine an die jüdische Familie Iglauer, die 1939 vor den Nazis in die USA flüchteten. Zur Steinsetzung sind neben Evi Iglauer auch ihre Schwester Lotte Reinhold und zwei weitere Familienmitglieder extra aus New York angereist. Den ersten Stein setzt der Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem Gebäude, in dem sich einst die Schuhfabrik Iglauer befand und in der heute die Ausstellungsräume der Firma Signet untergebracht sind. 1892 gründete Carl Iglauer die Schuhfabrik, 1939 wurde sie von den Nazis arisiert.

Form von Genugtuung

Einige Häuser weiter in der Lichtenfelser Straße 18 befindet sich das Elternhaus von Evi Iglauer und ihrer Schwester Lotte Reinhold. Die vier Stolpersteine davor erinnern an die beiden Frauen und ihre Eltern Stefan und Bianka Iglauer. Die Gefühle, die Evi Iglauer an diesem Nachmittag empfindet, lassen sich kaum in Worte fassen, sagt sie. Auf der einen Seite bewegt es sie innerlich, ihrer aller Namen im Gehsteig eingelassen zu lesen. Auf der anderen Seite empfindet sie auch eine gewisse Form von Genugtuung, dass es den Nazis nicht gelungen ist, die Juden auszulöschen und die Erinnerung an sie zu tilgen. Evi Iglauer erinnert sich noch gut daran, dass die Straße vor ihrem Elternhaus einmal Adolf-Hitler-Straße geheißen hat. Ihre Schwester Lotte Reinhold war zehn Jahre alt, als die Familie 1938 zunächst nach München übersiedelte und ein Jahr später nach Amerika auswanderte. Einige Details aus der Kindheit in Burgkunstadt sind ihr noch gut in Erinnerung geblieben, an die Schule, das Elternhaus, in dem auch die Großeltern lebten, und natürlich an die Schuhfabrik. Die heutigen Besitzer des Gebäudes, Carola und Gerald Klimke, haben sie durch das Gebäude geführt. "Die beiden Damen waren stolz darauf, dass die Fabrik wieder genutzt wird", berichtet Gerald Klimke. Die Steinsetzung war auch den Klimkes ein wichtiges Anliegen.
"Es ist wichtig, dass man sich erinnert und zu verstehen versucht , was damals passiert ist", sagt Peter Cohen-Millstein, ein Urenkel von Carl Iglauer, der sich intensiv mit der Familiengeschichte befasst. Er freut sich, dass zur Steinsetzung so viele Leute gekommen sind. Neben Bürgermeisterin Christine Frieß, Mitglieder der Interessengemeinschaft Synagoge und weitere Burgkunstadter.
Für Josef Motschmann, den Vorsitzenden der Interessengemeinschaft, sind die Steine "Symbole einer neuen Erinnerungskultur". Steine, die an die 700-jährige Geschichte der Juden am Obermain erinnern, aber auch daran, dass ihre Geschichte nicht freiwillig zu Ende gegangen ist. "Die Familie Iglauer hat entscheidend zur Entwicklung der Schuhindustrie, der Kultur und Wirtschaft in Burgkunstadt beigetragen", erklärt Motschmann. Die Familie gehörte zu den wenigen Juden, denen es gelang, rechtzeitig nach Amerika auszuwandern. "Die Zerstörung der Synagoge mussten sie Gott sei Dank nicht mehr miterleben", sagt Motschmann.
Damit gibt es im Landkreis Lichtenfels jetzt zehn Stolpersteine. Neben den fünf für die Familie Iglauer erinnern in Burgkunstadt weitere Stolpersteine an die beiden jüdischen Mitbürgerinnen Lore Herzfeld und Marie Friedmann (beide gebürtige Rothschild). Vor dem Anwesen Theodor-Heuß-Straße 65 in Altenkunstadt tragen die Steine die Namen von Leo, Helene und Margot Wolf, die im April 1942 nach Polen deportiert wurden. Mit den Tafeln holt Gunter Demnig die Opfer der Nationalsozialisten aus der Anonymität heraus, macht auf ihr Schicksal aufmerksam. Inzwischen hat der Kölner Künstler mehr als 49 000 Steine in vielen Ländern Europas verlegt. 2015 will er den 50 000. Gedenkstein im italienischen Turin setzen.