Wenn in den Nachrichten oder in politischen Diskussionen von Zuwanderern oder Flüchtlingen die Rede ist, fallen meist auch Schlagworte wie "Islam" und "Muslime": Migranten aus bestimmten Regionen der Welt werden in der Gesellschaft vor allem als religiöse Menschen wahrgenommen. Das sei problematisch, meint Professor Georg Glasze von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), weil so zum Beispiel sozialpolitische Probleme allzu schnell zu religiösen - also islamischen - Problemen umdeklariert werden.
Religiöse Kategorien wie insbesondere "Islam" und "Muslime" prägen in jüngerer Zeit zahlreiche gesellschaftliche und politische Diskussionen. Jenseits eher abstrakter politischer Debatten auf Bundesebene will der Erlanger Kulturgeograph Glasze in einem neuen Forschungsprojekt mit Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) untersuchen, wie die Themenfelder "Islam" und "Muslime" auf der Ebene von Städten und Stadtteilen für Politik, Verwaltung und das gesellschaftliche Zusammenleben relevant wurden und werden. Das geht aus einer Pressemitteilung der Universität hervor.
Wie wird auf lokaler Ebene zum Beispiel über spezielles Schulessen für muslimische Kinder diskutiert? Oder über den Bau einer Moschee im Ort? Wer spricht für welche Gruppen? Wie treten muslimische Organisationen, städtische Politik oder Verwaltung, andere Religionsgemeinschaften und gesellschaftliche Akteure in Interaktion?
Gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern der FAU und der Universität Osnabrück sollen die Forschungsfragen am Beispiel der Städte Erlangen und Osnabrück beantwortet werden. Die Forscher wollen dazu zum Beispiel Sitzungen der Stadträte und Ausländer- und Integrationsbeiräte beobachten, Sitzungsprotokolle beispielsweise von interreligiösen Dialogen und Medienberichte auswerten sowie zahlreiche Interviews führen.


Blick in die Vergangenheit

Um die Ergebnisse in einen größeren Zusammenhang setzen zu können, haben die Wissenschaftler bereits mit integrationspolitischen Akteuren aus fast allen deutschen Großstädten gesprochen und diese zu ihren Erfahrungen befragt. "Nach unseren bisherigen Erkenntnissen scheint beispielsweise in Erlangen für Stadtverwaltung und kommunale Politik der interreligiöse Dialog eine im Vergleich zu vielen anderen Städten in Deutschland sehr bedeutende Rolle einzunehmen", sagt Glasze.
Neben der Analyse der aktuellen Situation in den Städten ist auch der Blick in die Vergangenheit Teil des Forschungsprojekts: angefangen in den 1970er Jahren, wo mit den Gastarbeitern erstmals eine größere Zahl von Migranten mit mehrheitlich muslimischem Hintergrund nach Deutschland kam. Doch damals wurden sie in der gesellschaftlichen Debatte als "Türken", "Jugoslawen" oder einfach "Gastarbeiter" bezeichnet.
Wie sich die Wahrnehmung der Zuwanderer - von deren Herkunft hin zu ihrer Religion - verändert hat, soll eine der Forschungsfragen sein. "Es gibt Hinweise, dass Ereignisse wie die Islamische Revolution im Iran oder die Anschläge vom 11. September da eine wesentliche Rolle gespielt haben. Dem wollen wir nachgehen", erläutert Glasze. "Mit dem Projekt werden wir für die Ebene der Städte erstmals systematisch aufzeigen, in welchen vielfältigen Formen Islam und Muslime zu Elementen städtischer Gesellschaften werden", sagt Kulturgeograph Glasze.


Islam ist nicht gleich Islam

Sein Mitarbeiter Jan Winkler ergänzt: "Damit hoffen wir auch, die Vorstellung eines homogenen und an allen Orten gleichförmigen Islam aufzubrechen, die manche öffentliche Debatten prägt."
Von den Ergebnissen versprechen sich die Forscher nicht nur neue fachwissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch Impulse für die gesellschaftliche und politische Diskussion auf kommunaler Ebene. red