Selina jörgensen

Forchheim — Marco Schorz scheint der selbe lebensfrohe Mensch zu sein, der er vor zehn Jahren war. Dass das nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis harter Arbeit ist, wird einem erst auf den zweiten Blick bewusst. Im September 2008 erkrankte der heute 39-Jährige und wachte eines Morgens bewegungsunfähig und stumm auf: "Es war, als hielte jemand meine Arme fest aufs Bett gedrückt."
Der Forchheimer war damals Dachdecker und Installateur und am Abend zuvor früh zu Bett gegangen, um für die Arbeit ausgeruht zu sein. Den nächsten Tag verbrachte er jedoch im Bett, auch den übernächsten, unfähig, nach dem Handy auf dem Nachttisch zu greifen und um Hilfe zu rufen. Nach einigen wenigen, ungewissen Tagen des Wartens und der Angst wurde Schorz von seiner Mutter gefunden, die einen Zweitschlüssel besaß.
In der Uniklinik Erlangen bekam er nach der mehrfachen Durchführung einer Lumbalpunktion, einer äußerst schmerzhaften und gefährlichen Untersuchung des Nervenwassers, die Diagnose: Kleinhirnentzündung.
Ein dreimonatiger Klinikaufenthalt folgte, bis Herr Schorz in das Hirschaider Pflegeheim St. Vitus entlassen wurde. Trotz der belastenden Situation dort, trainierte Marco Schorz unermüdlich und kämpfte sich mit Reha-Maßnahmen wie Physiotherapie und Logopädie zurück ins Leben. In seiner Freizeit machte er zusätzliche Übungen, um wieder fit zu werden. Jeder kleine Erfolg brachte ihn einen Schritt weiter, bis er schließlich statt dem Rollstuhl einen Rollator nutzen konnte. "Das war ein herrliches Gefühl, wieder aufrecht zu stehen", erzählt er.
Marcos Fortschritte blieben auch der Leitung des Seniorenheims Hermine Nowak nicht verborgen. Sie kontaktierte Schorz' Berufsbetreuerin Verena Keller, die für ihn einen Platz in einer Dreierwohngruppe des Ambulant unterstützten Wohnens (AUW) fand. Betreut von Bereichsleiter Karlheinz "Kalle" Reger, wurde der Genesende an einen Arbeitsplatz in der Werkstatt der Lebenshilfe Forchheim herangeführt. Drei Jahre später begann Schorz im Rahmen des Integra-Projektes, das Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen die Teilnahme am Arbeitsleben ermöglichen soll, ein Praktikum in einem Forchheimer Lebensmittelcenter, in dem er heute als fest Angestellter beschäftigt ist.
Mit der Unterstützung von Kalle Reger fand Schorz im September 2014, sechs Jahre nach dem alptraumhaften Erwachen, eine eigene Wohnung, in der er nun von den Mitarbeitern des AUW betreut wird. Diese sind für die Betreuung und Begleitung ihrer Schützlinge in den Lebensbereichen Wohnen, Medizin, Freizeit und Sozialleben zuständig.


Wahre Geschichte des Marco S.

Reger und Schorz verbringen also viel Zeit miteinander und so kam ihnen die Idee, für eine zweiwöchige Ausstellung im Mai 2016 anlässlich des 50. Jubiläums der Lebenshilfe Forchheim einen Kurzfilm über Schorz' Lebensgeschichte zu drehen.
In Zusammenarbeit mit dem Grafik-Designer Stephan Schneider entstand so ein berührendes Video, das den eisernen Willen des jungen Mannes zeigt, sich nicht unterkriegen zu lassen und wieder ein normales Leben zu führen. Unterlegt wurden die Bilder mit Musik von Regers Band "Rock of Fame". Der Sozialpädagoge bekam kurz darauf zufällig eine Anfrage aus Berlin, ob er nicht einen Beitrag für die Familiale 2016 habe, einen Kurzfilmwettbewerb der Lebenshilfe. So wurde der Film "Von heute auf morgen war alles anders - Die wahre Geschichte von Marco S." nach Berlin geschickt und gelangte unter die besten 20 Filme, die für eine Nominierung der ersten fünf Plätze in Betracht gezogen wurden.
Eine dieser ersten fünf Platzierungen erreichte Schorz' Film zwar nicht, er wird aber dennoch auf der "DVD der 20 besten Familiale-Filme" zu sehen sein, die nach der Abschlussgala in Berlin am 15. September erwerblich sein wird.
Der größere Erfolg für Marco Schorz liegt jedoch eher in der Einschätzung von Kalle Reger. "Marcos Fortschritte sind so groß, dass er unsere Betreuung bald kaum noch notwendig haben wird", findet er.
Zwar unternimmt Schorz nach wie vor viel mit seinen Freunden vom AUW, denn sie gehen gemeinsam Grillen, zum Sport oder machen Ausflüge, aber er führt dennoch wieder ein normales und vor allem- ein weitgehend unabhängiges Leben.