Freudestrahlend zeigt Silke Kreß (44) den feinen weißen Umschlag mit eingeprägtem Bundesadler: "Ich habe zuerst gedacht, das ist irgend ein Werbebrief und konnte gar nicht glauben, was da steht", sagt die Kulmbacherin. Doch inzwischen hat auch Silke Kreß die Botschaft des Schreibens verinnerlich. Es ist tatsächlich eine Einladung vom Bundespräsidenten Joachim Gauck höchstpersönlich. Sie ist zum Bürgerfest auf Schloss Bellevue eingeladen - mit Begleitung. "Aber ich nehme nicht meinen Mann mit, sondern eine sehr gute Freundin", hat sich Silke Kreß vorgenommen. Sie freut sich schon riesig auf den besonderen Anlass. "Ich werde das kleine Schwarze anziehen - aber natürlich ein Neues", lacht sie.
Der Grund für die Einladung allerdings ist keine glückliche Geschichte. Denn Silke Kreß ist schon zwei Mal in ihrem Leben an Krebs erkrankt. "2001 ist zum ersten Mal ein Knoten in meiner Brust entdeckt worden. Ich war OP-Schwester und wusste, was da auf mich zukommt", erinnert sie sich. Der Krebs war frühzeitig entdeckt worden und konnte mit einer Chemotherapie in Zaum gehalten werden. "Aber ich habe die Krankheit verdrängt, habe mich damals zurückgezogen", erinnert sich Kreß.


Beim zweiten Mal gekämpft

"Nach zehn Jahren habe ich wieder Knoten auf derselben Seite bemerkt", erzählt sie. Während sie beim ersten Mal alles über sich ergehen lassen wollte, hat sie bei der zweiten Diagnose die Initiative ergriffen. Silke Kreß hat aktiv den Kampf gegen die tückische Erkrankung aufgenommen. "Ich habe ein Tagebuch geschrieben, weil ich mich an alles erinnern wollte. Ich habe mich fotografieren lasen. Ich habe die Bilder öffentlich gezeigt", sagt die Kulmbacherin. "Normalerweise verdrängt man das Negative, aber ich wollte alles in Erinnerung behalten", so Kreß. Sie rief die Internetseite "Das Leben hat keinen Plan" ins Leben, postete Fotos von sich, sprach ohne Scheu von ihrer Krankheit. "Ich wollte auch anderen Menschen zeigen, dass mit der Diagnose Krebs noch lange nicht alles zu Ende ist", so die 44-Jährige.
Inzwischen hat sich Silke Kreß mit der Organisation "Pink Ribbon" und mit Uta Mella, einer Berliner Künstlerin, die brustamputierte Frauen in ihrem Projekt "Amazonen" zeigt, vernetzt und macht aktiv beim "Mutmacher"-Projekt von "Pink Ribbon" mit. Silke Kreß erzählt ihre Geschichte, spricht offen über die Bedeutung der weiblichen Brust und den Verlust, aber auch über Therapien.
"Ich wollte meine Geschichte aufarbeiten", sagt sie. "Ich wollte anderen Frauen mit den Fotos von mir zeigen, dass man trotzdem schön sein kann, dass es nicht auf Haare oder sonstige Dinge ankommt", sagt sie. "Ich habe durch die Erkrankung ein neues Selbstbewusstsein bekommen und eine neue Unabhängigkeit vom Äußeren", erklärt Kreß. Dass sie das Internet als Plattform für ihre Veröffentlichungen gewählt hat, hat einfach etwas damit zu tun, dass sie über Facebook und Co. jeden erreichen kann - überall in der Welt.


Eine Herzensangelegenheit

Inzwischen arbeitet Silke Kreß nicht mehr als OP-Schwester, sondern als Ergotherapeutin. Und sie organisiert Ausstellungen. "Manchmal bekomme ich wenig Feedback, aber die Einladung auf Schloss Bellevue zeigt mir, dass meine Arbeit trotzdem wahrgenommen wird", sagt die 44-Jährige. "Für mich ist die Arbeit eine Herzensangelegenheit. Denn viele Frauen sind betroffen."


Lange Regeneration

"Ich hoffe, dass ich auf Schloss Bellevue auch viele Kontakte knüpfen kann", sagt Kreß. "Aber der Bundespräsident scheint auch ein sehr sympathischer Mensch zu sein."
Ein ganz besonderes Anliegen ist es der Kulmbacherin, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, wie lange die Regenerationsphase nach so einer Erkrankung dauert. "Ich habe letztes Jahr einen Köpfer ins Wasser gemacht - und als ich aufgetaucht bin, wusste ich, ich bin wieder die Alte", sagt sie.