In einer weiteren Folge der Serie Lichtenfels im Wandel des 19. Jahrhunderts beschreiben wir die Jahre 1869 und 1870. Das wichtigste Ereignis in diesen Jahren war der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 zwischen Frankreich einerseits und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens sowie den mit ihm verbündeten süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt andererseits. Sechs französische Divisionen griffen am 2. August 1870 deutsches Territorium an. Im Februar 1871, nach dem Fall von Paris, war Frankreich zum Vorfrieden von Versailles bereit.


Rehen und Affentheater

Die Wunden des Deutschen Kriegs von 1866 waren kaum verheilt, da begann in Lichtenfels und den umliegenden Orten wieder ein fröhliches Treiben. Das Lichtenfelser Tagblatt berichtet von zahlreichen Lustbarkeiten in den Tanzsälen, Biergärten und Kellerwirtschaften. Bei den Kirchweihen kam das Kegeln in große Mode. Neben Musik und Tanz ging es um alle Neune. In Mistelfeld war der 1. Preis ein feister Rehbock, der 2. Preis eine Rehgeis, beide lebend. Auch in Weidnitz, Romannsthal, Niesten bei Weismain, Kleukheim oder der Mainlust in Schney erfreute sich der Sport großer Beliebtheit. Im Saal der Lichtenfelser Gaststätte Düring gab es afrikanisches Affentheater.


Fahne für Schützen gestiftet

Die Damen der Schützengesellschaft stifteten eine Fahne, die beim Freischießen geweiht wurde. Der weiße Seidenstoff zeigte auf der einen Seite das Wappen der Stadt in Gold, die andere Seite war grün mit der in Gold gestickten Inschrift: "Die Frauen und Jungfrauen der Schützengilde Lichtenfels". In Lichtenfels wurde die Gewerbliche Fortbildungsschule (Berufsschule) am Sonntag, 23. Mai, eröffnet. Es meldeten sich 55 Schüler an, davon neun im Elementarunterricht. Ein beliebter Nebeneffekt: Die Schüler brauchten nicht zur Sonntagsschule. Die Unterrichtsfächer waren Religion, Modellieren, Zeichnen, geschäftliche Aufsätze, Rechnen, Deutsch, Stenographie und Bossieren. Diese Technik wurde hauptsächlich angewandt, um Modelle für die Bildhauerei, Keramik und für den Metallguss darzustellen.
Großer Wert wurde auf die Obstbaumzucht gelegt. Bis zu zehn Gulden Strafe gab es, wer seine Gärten nicht von Raupen reinigte. Für Baumfrevel war in Lichtenfels die geringste Strafe zwei Monate Gefängnis. Berühmte Pomologen hielten im Landwirtschaftlichen Verein wissenschaftliche Vorträge. Auch der Hopfenanbau blühte. Im Juni wurden in Staffelstein 871 Zentner Hopfen geerntet.
1869 war das Gründungsjahr vieler Freiwilliger Feuerwehren im Landkreis. In Ebensfeld meldeten sich zum ehrenamtlichen Dienst 155 Mann, in Weismain waren es knapp 100 und in Oberwallenstadt 55. Das Blatt schreibt am 14. Januar: "Eine erfreuliche Erscheinung, dass sich das Prinzip der Freiwilligkeit im Feuerlöschdienste immer mehr Geltung verschafft. Selbst Dorfgemeinden bilden freiwillige Wehren. In Bayern gibt es 300 geschulte und opferbereite Mannschaften mit 30 000 Mitgliedern".
Der große Krieg warf seine Schatten voraus. In Lichtenfels hielt sich die Begeisterung aber noch in Grenzen. Am 17. Mai 1869 wurde der Jahrgang 1848 gemustert. Von 302 Männern waren nur 109 tauglich, 158 untauglich, 25 zeitweise tauglich und 24 nicht anwesend. Zeitweise waren 36 einsetzbar und fünf für den Dienst an der Waffe für unwürdig befunden. Es war Landtagswahl. Das Blatt kommentiert: "Große Worte machen und Aufsehen erregen taugt nichts. Nur gewissenhafte Arbeit schafft Früchte, an denen sich Millionen laben können, wenn das Phrasengeklingel und die polternden Reden längst verhallt sind".
Das Jahr 1870 begann mit einem schweren Unfall in Altenkunstadt. Konditormeister Rittweger fiel am 3. Januar in seinen Ziehbrunnen, er und sein Schwager, der ihn retten will, kamen dabei ums Leben. Ab 1. Januar 1872 gelten neue Maße und Gewichte. Die bayerischen werden in metrische umgewandelt. Dadurch entsteht ein neues Preisgefüge für das es 74 Tabellen gibt. Viele Schulen mussten Anfang des Jahres wegen Masern- und Scharlachepidemien schließen. Am 18. März wurden zwei Holländerstämme (riesige Tannen) aus dem Bucher Forst geschleppt. Einen dieser Riesen zogen 27 Paar Ochsen. Er war 150 Fuß (rund 50 Meter) hoch, sein Umfang betrug ein Meter Höhe 27,5 Zoll (6,80 Meter) und er wog 300 Zentner.


Mobilisierung der Truppen

Die Vorbereitungen für den Krieg laufen auf Hochtouren. 21 Millionen Gulden werden für die Mobilisierung der bayerischen Truppen bereitgestellt. Die Bürgermeister werden angewiesen, Militärpflichtige zu sammeln. Feuerwehren übernehmen die innere Sicherheit. Im Hochstadter Bahnhof erfolgt der Anschluss an die Militärzüge. Der Personenverkehr wird eingeschränkt.
Das Erzbischöfliche Ordinariat Bamberg weist die Seelsorger an, die innere Einheit zu beschwören: "...dass nirgends auch nur der leiseste Zweifel aufkommen vermöge, was nunmehr die Pflicht für Volk und Vaterland erheischt. Die zur unmittelbaren Teilnahme am Kampf unbeirrbar durch Einmütigkeit aller Patrioten in ihrer Treue zu König und Vaterland und mit Freudigkeit Opfer bringen".