Höchstadt — "Unglaublich", so fasste der neue Kaplan der St. Georgspfarrei, Joseph Kollathuparampil, seine Eindrücke von der Dettelbacher Wallfahrt zusammen, die am Wochenende zum 375. Mal auszog. Die Gestaltung der Feierlichkeiten stand ganz im Zeichen des Jubiläums. Doch der rote Faden, der sich durch 375 Jahre kontinuierlich fortsetzt, bleibt in jedem Jahr beachtlich.
Alle, die sich für die Geschichte Höchstadts interessieren, wissen um die Zerstörung der Stadt durch die Schweden 1633. Unterschiedliche Angaben gibt es zu den Überlebenden von damals: sechs bis zehn Familien sollen es gewesen sein, die durch günstige Verstecke den Gräueltaten entgehen konnten.
Sechs Jahre später unternahmen die Höchstadter ihre erste Wallfahrt zum Marienwallfahrtsort Dettelbach bei Würzburg. Dort gelobten sie, jährlich an diesen Ort zu pilgern, damit ihre Stadt von weiterem Unheil verschont bleibe. Seitdem lässt sich lückenlos eine Wallfahrt von Höchstadt nach Dettelbach nachweisen.
Mit dem Bau der Eisenbahn im 19. Jahrhundert wurden die Höchstadter etwas bequemer und legten nur noch eine Teilstrecke bis Dachsbach zu Fuß zurück, bevor man per Zug ins Unterfränkische reiste. Mit der Erfindung von Omnibussen gestaltete sich das Wallfahren noch praktischer. Direkt von Höchstadt aus fuhren jedes Jahr Busse zum Wallfahrtsort am Main.

Auch in Kriegsjahren

Über Jahrzehnte haben Angehörige der alten Höchstadter Familie Berg die Wallfahrt organisiert, bis die Logistik in den 90er-Jahren von Maria Rascher-Skora (geborene Berg) in die Hände des Pfarramts übergeben wurde. Auch während der Kriegsjahre 1914 - 1918 und 1939 - 1945 lässt sich keine Unterbrechung der Wallfahrt feststellen. Selbst unter den Gefahren jener Zeit blieben die Höchstadter ihrem Gelöbnis treu.
Vor 26 Jahren nahmen lauftüchtige Pilger unter der Leitung von Angela Neudörfer die Tradition der Fußwallfahrt wieder auf. Alljährlich legen sie die gut 60 Kilometer mit einer Zwischenübernachtung auf der Zielgeraden zu Fuß zurück. In diesem Jahr stimmten sich die Wallfahrer mit einem Bußgottesdienst am Freitagabend ein. Pastoralreferent Peter Segna betrachtete mit den Gottesdienstbesuchern die fünf Wunden Jesu am Kreuz und überlegte wo Menschen heute mit ihren Händen, Füßen und Herzen andere und damit Gott verletzen. Am frühen Samstagmorgen war es dann für die Fußwallfahrer wieder so weit, sich bei mildem, spätsommerlichem Wetter auf den Weg zu machen. Bei der Aussendung dankte Dekan Kilian Kemmer für das starke Zeugnis der über 50 Frauen und Männer.
Fünf Busse mit Wallfahrern und genauso viele Höchstadter mit ihren Privatautos trafen mit den Fußwallfahrern in Dettelbach zum gemeinsamen Einzug in der Wallfahrtskirche zusammen. Die festliche Gestaltung der Jubiläumswallfahrt durch den Kirchenchor und die Männerschola unter der Leitung von Friedrich Kirschner, durch die Stadtkapelle unter der Leitung von Georg Römer sowie durch Rektor Michael Ulbrich am E-Piano und die Organisten Reinhard Döring und Bernhard Schöfer wurde heuer noch ergänzt und bereichert durch das der Pfarrei verbundene Ensemble Bavarian Brass.
Krankenhausseelsorger Diakon Georg Paszek trug das Friedensevangelium vor. In seiner Predigt betonte Dekan Kilian Kemmer den Zusammenhang von Glaube und Alltag. Fahren lernt man erst nach der Führerscheinprüfung im Alltag des Straßenverkehrs. Und ein Entzug macht nur Sinn, wenn im Alltag der Verzicht auf ein Suchtmittel gelingt, meinte der Dekan. Genauso nützt ein glanzvoller Wallfahrtstag nichts, wenn sich der Glaube, der gefeiert wird, nicht im Alltag bewährt.

Aufbruch und Neuanfang

So wie die Vorfahren im Jahr 1639 ihren belastenden Alltag im Vertrauen auf den Glauben an Gott bewältigen konnten, geschehe auch heute noch Aufbruch und Neuanfang, wo Gott eine Rolle spiele. "Wo Gott ist, da ist immer Zukunft", so Kilian Kemmer. Bürgermeister Gerald Brehm erneuerte das Gelöbnis der Höchstadter vor dem Gnadenaltar. In einem Kindergottesdienst erarbeiteten Judith Egelseer und Maria Marx von der Kindertagesstätte St. Michael mit den Kindern das Thema Frieden. Höchstadts Pfadfinder ermöglichten durch die Koordinierung von Gerhard Wirkner zusammen mit einem Partyservice erstmals ein gemeinsames Mittagessen.
In der Andacht fassten die eigenkomponierten und gesungenen Worte Michael Ulbrichs die Friedensthematik und damit den Ursprung der Wallfahrt treffend und brandaktuell zusammen. Die vielen Neuerungen der Jubiläumswallfahrt haben sich nach Ansicht von Dekan Kilian Kemmer für die gut 500 Pilger aus Höchstadt bewährt. nr