von unserem Mitarbeiter Martin Wilbers

Westheim — Holger Stretz ist an diesem Morgen etwas aufgeregt. Der Handwerksunternehmer lächelt verschmitzt, als er die rund 15 Gäste am Stammsitz seines Unternehmens empfängt. Sind es doch nicht etwa Lieferanten, Partner oder Kunden, sondern die Vertreter von drei karitativen Vereinen. Und über deren Kommen freut er sich sichtlich.
Die Firma Stretz verkauft und montiert seit Jahrzehnten Fenster und Türen. Begonnen hat die Firmengeschichte in der sprichwörtlichen Garage auf dem Familiengrundstück: Vater Theo Stretz begann 1965 Zuschnitte für Korbmacher aus Sand am Main herzustellen. Einige Zeit später kam die handwerkliche Produktion von Innenfertigtüren hinzu, heute das Hauptprodukt. 1971 bezog Theo Stretz eine Werkshalle mit Büro, 1994 absolvierte sein Sohn Holger die Schreinermeisterprüfung und übernahm den Familienbetrieb. Dessen erfolgreiche Nachfolge führte zu einer nochmaligen Erweiterung im Knetzgauer Ortsteil Westheim und einem zweiten Standort in München. Stand die Firmenübernahme von Anfang an fest? "Ja", antwortet Stretz sofort. "Die meisten werden mit Weihwasser getauft, bei mir war es sozusagen Sägemehl."
Nicht immer läuft alles rund. Stretz beschäftigt vor allem der Fachkräftemangel. Nicht nur in München sei es schwer, Menschen für seinen handwerklichen Beruf zu begeistern und zu motivieren, sondern auch in Oberfranken werde es immer schwerer, gutes Personal zu finden. Hinzu komme der intensive Wettbewerb mit der Industrie. "Die Lohnniveaus in Handwerk und Industrie klaffen teilweise stark auseinander. Aber der Preiskampf auf den Märkten macht es für kleinere Mittelstandsbetriebe wie unseren nicht leicht, daran etwas zu ändern."

Fünf Jahrzehnte auf dem Markt

Fünf Jahrzehnte sind seit der Firmengründung vergangen. Grund genug eigentlich, das lange Bestehen und den geschäftlichen Erfolg zu feiern. Aber Holger Stretz hat sich gemeinsam mit seinem Team dagegen entschieden. "Wo fängt man an, wo hört man auf?", erklärt der 47-Jährige. Seine Frau könne heute leider nicht dabei sein, sagt er. Aber es sei vor allem ihre Idee gewesen, statt der Geschäftspartner drei Organisationen einzuladen, die sich ehrenamtlich um soziale Angelegenheiten in der Region zwischen Schweinfurt und Bamberg kümmern.
Das kommt nicht von ungefähr. Als der Freizeit-Golfer gefragt wird, was ihn heute als Unternehmer sonst noch so beschäftigt, braucht er nicht lange zu überlegen. "Ich vermisse ein wenig die Menschlichkeit, die ich noch aus den Zeiten meines Vaters kenne. Heute ist alles so schnelllebig geworden." Statt eines Handschlags brauche es für das gegenseitige Vertrauen meist eine schriftliche Vereinbarung. Die Persönlichkeiten der Menschen hinter einem Geschäft treten ihm zufolge immer mehr in den Hintergrund. "Das finde ich schade."
Nicht zuletzt deshalb fand auch er die Idee gut, das Jubiläum mit mehr Menschlichkeit zu verbinden. Seinen Geschäftspartnern und Mitarbeitern gehe es glücklicherweise gut. Aber es gebe viele Menschen, die dieses Glück nicht hätten. Ein wenig gefeiert wurde dennoch: intern, im kleinen Kreise. Ein Dankeschön an die rund 20 Monteure und Bürokräfte. Dann grinst der Chef verlegen, als er um ein Foto gebeten wird. Er stehe nicht so gern im Vordergrund, meint er, und tritt letztlich trotzdem zwischen die Türen in seinen Ausstellungsräumen, um sich ablichten zu lassen.
Der Unternehmer blickt lächelnd in die Runde und bittet bei einem Glas Sekt die Gäste darum, ihre jeweiligen Organisationen kurz vorzustellen. Immerhin sei ja auch die Presse da und vielleicht helfe das ein wenig, um noch mehr Unternehmen aus der Region auf wohltätige Organisationen aufmerksam zu machen, die sich über Spenden freuen. Er jedenfalls ist zufrieden damit, dass das erste halbe Jahrhundert der Firma mit dieser Geste verbunden bleiben wird: Jeweils 2500 Euro gehen an "Haßfurt hilft", die "Schweinfurter Kindertafel" und "Franken helfen Franken", den Spendenverein der Mediengruppe Oberfranken (MGO). Die drei Organisationen werden auf Wunsch des Unternehmers dafür sorgen, dass das Geld vor allem für bedürftige Kinder eingesetzt wird.