Etwa zehn Zentimeter im Durchmesser, etwa zehn Zentimeter hoch, leicht bräunlich, mit eingeschnittenen Verzierungen: Auf den ersten Blick wirkt das Becherglas wenig spektakulär. Doch es ist eins der kostbarsten Stücke, die sich auf der Veste befinden - seines Alters, seiner Herkunft und seiner Geschichte wegen.
13 dieser Gläser gibt es insgesamt, die alle aus der gleichen Werkstatt stammen müssen und deren Herkunft von den Experten im Vorderen Orient vermutet wird. "Ursprünglich waren die Hedwigsgläser profane Luxusgüter, von denen einige in den Wirren der Kreuzzüge und während er Plünderung Konstantinopels im Jahr 1204 nachweislich nach Westeuropa gelangten", heißt es im Katalog zur Landesausstellung "Ritter, Bauern, Lutheraner". Hedwigsgläser heißen sie, weil die heilige Hedwig (1174 bis 1243) eins besessen haben soll, in dem sich Wasser in Wein verwandelt haben soll. Auch ihre Nichte Elisabeth, Landgräfin von Thüringen und 1236 heiliggesprochen, besaß ein solches Glas - es ist dasjenige, das sich auf der Veste Coburg befindet und das auch in der Landesausstellung zu sehen ist.
Kurfürst Friedrich III. von Sachsen (der Weise) hatte eine ganze Menge Reliquien zusammengetragen, das sogenannte Wittenberger Heiltum. Bei Reliquien galt: Je mehr man vorzuweisen hatte, desto besser, denn damit waren Ablässe verbunden, die die Zeit im Fegefeuer verkürzen konnten. Das Elisabethglas war prominenter Bestandteil dieses Heiltums. Dessen Katalog ist ebenfalls ausgestellt. Wer das Glas andächtig betrachtete und dabei bestimmte Gebete rezitierte, erhielt einen Ablass. Luthers Wettern gegen diesen Ablasshandel 1517 war der Auslöser der Reformation, und so entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die sächsischen Herzöge Luther jenes kostbare Glas überließen. Der wusste jedenfalls, dass das Glas der heiligen Elisabeth gehört haben sollte. Elisabeth ist eine der wenigen Heiligen, die auch in der lutherischen Kirche verehrt werden.
Wie das Hedwigsglas dann zurückkam in den Besitz der sächsischen Herzöge, ist unklar. Vermutet wird, dass Luthers Witwe Katharina von Bora es mit nach Torgau brachte. Coburg war eine der Residenzen der Ernestiner - irgendwie und irgendwann gelangte es dorthin. Es gehörte jedenfalls schon im 19. Jahrhundert zur Glassammlung auf der Veste. Aber erst 1911 wurde es als dasjenige Glas identifiziert, das einer Heiligen und später einem bedeutenden Reformator als Trinkgefäß gedient hatte. "Aufgrund seiner herausragenden künstlerischen Qualität, seines Erhaltungszustands und vor allem seiner Geschichte kann das Coburger Hedwigsglas als das bedeutendste nachantike Glas überhaupt bezeichnet werden", schreibt Sven Hauschke, Kurator der Glassammlung, im Katalog zur Landesausstellung. sb