Friederike Stark

Zwar wurde Hermann Dietzfelbinger 1908 in Ermershausen (heute Landkreis Haßberge) geboren. Doch erst 50 Jahre später entwickelte er tatsächlich eine persönliche Verbindung zu der kleinen Gemeinde auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Haßberge.


Erinnerungen an Ermershausen

Pfarrer Andreas Kopp-von Freymann (1991 bis 2005 Pfarrer in Ermershausen und Birkenfeld) zitiert in der Gemeindechronik "950 Jahre Ermershausen" aus Dietzfelbingers Autobiografie "Veränderung und Beständigkeit": "Erst viel später sollte ich mit dieser Gemeinde, der ersten Pfarrstelle meines Vaters, genauer bekannt werden." Denn Dietzfelbinger, der inzwischen Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern geworden war, besuchte 1958 die Gemeinde und wurde von vielen Dorfbewohnern auf seinen Vater angesprochen. "Einer konnte noch Sätze aus Predigten (des Vaters, Anm. der Redaktion) zitieren", schreibt Hermann Dietzfelbinger weiter und kommt zu dem Schluss, dass das ein beispielhafter Hinweis darauf sei, "welch nachhaltige Wirkung gerade in ländlichen Gemeinden die oft gering geachtete und so rasch verurteilte Predigt haben kann."
Zu dieser Zeit hatte Dietzfelbinger schon viele Stationen in seinem Leben hinter sich. Er studierte Theologie in Erlangen, Tübingen und Greifswald, war als Vikar in München und als Pfarrer in Rüdenhausen (Kreis Kitzingen) tätig. Nach dem Kriegsende 1945 übernahm er die Leitung des Predigerseminars der bayerischen Landeskirche und wurde 1953 Rektor des Diakoniewerks in Neuendettelsau. Er heiratete 1935 Hedwig Stählin, mit der er sieben Kinder bekam. Dietzfelbinger gilt heute als einer der bedeutendsten konservativen Bischöfe der Nachkriegszeit. Nicht zuletzt liegt das darin begründet, dass Dietzfelbinger mit verantwortlich war für wichtige ökumenische Weichenstellungen während seiner Zeit als Landesbischof von 1955 bis 1975.


Kirche als Einheit

Denn Landesbischof Dietzfelbinger traf sich während seiner Amtszeit viele Male mit dem Münchner Kardinal Julius Döpfner und "bot der katholischen Kirche die Hand, ohne Unterschiede zu verwischen", wie Kopp-von Freymann in der Ortschronik schreibt. Dietzfelbinger war, so schreibt Kopp-von Freymann weiter, die Einheit der Kirche wichtig, aber er betonte auch, dass "sie nicht um den Preis der Freigabe reformatorischer Wahrheiten geschehen durfte".
Neben den ökumenischen Bemühungen gab es ein weiteres Thema, das Dietzfelbinger während seiner Amtszeit als Landesbischof und ab 1967 in seiner zusätzlichen Funktion als Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beschäftigte: die "Theologinnenfrage". Dietzfelbinger stand der Ordination von Frauen mehr als skeptisch gegenüber. Am 1. Mai 1975 trat Dietzfelbinger von seinem Amt als Landesbischof zurück. Sieben Monate später, am 4. Dezember 1975, trat das "Kirchengesetz über die Berufung der Theologin zum Dienst des Pfarrers" in Kraft. Ein Schritt, den Hermann Dietzfelbinger auch im Alter noch für einen falschen Weg hielt.