von unserem Redaktionsmitglied 
Carolin Herrmann

Coburg — Die Veste Coburg als Weltkulturerbe? Wegen des Luther, der 1530 für ein halbes Jahr hier war. - Och, des wär' doch hübsch. Das wäre doch noch ganz schmuck zusätzlich zum historischen Herzogs-Flair. Die begehrte Auszeichnung durch die Unesco bringt von der Bestätigung der lokalen Bedeutung und damit der Identität abgesehen andernorts ordentliche touristische Zuwächse, also wirtschaftlichen Gewinn. Na, da holen wir uns doch des Bläbberle, wenn's geht. Selbstverständlich hat der Stadtrat vor einem Jahr dazu gesagt: "Mach mer."


Mehr als ein Lokal-Gag

Ein findiger Lokal-Gag, mit einem klitzekleinen Zug von Anmaßung, wie er den Coburgern eigen ist? Einschließlich pikiertem Naserümpfen der oberfränkischen Nachbarstädte, wo doch "die Coborcher eh scho so viel" haben?
Moment mal. Nicht die Stadt Coburg stellt diesen Antrag bei der für Erziehung, Wissenschaft und Kultur zuständigen Unterorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Paris. Dort wird offiziell die Bundesrepublik Deutschland aktiv, konkret das Auswärtige Amt. 2012 kam ein Anruf aus dem Kultusministerium mit dem Hinweis, Coburg habe die Möglichkeit, sich um den Titel als Unesco-Weltkulturerbe zu bewerben, berichtet Michaela Hofmann, die für das Organisatorische zuständige Leiterin der Kulturabteilung der Stadt. Die Veste Coburg könnte als Teil eines größeren, tatsächlich eindrucksvollen Konzeptes ins Blickfeld gerückt werden. In ein Blickfeld, wie es trotz aller Lutherverehrung so nicht im Bewusstsein der meisten Coburger oder Oberfranken sein dürfte. Das wird klar, wenn der Direktor der Kunstsammlungen auf der Veste, Klaus Weschenfelder, die Hintergründe erläutert.
Es geht nicht um die tatsächlich europaweit bedeutsamen Kunstsammlungen, um die Cranach-Bilder etwa. Die Veste an sich könnte als wichtiger Aspekt des Welterbes "Lutherstätten in Mitteldeutschland" anerkannt und damit dem Schutz der Kulturgüter der Menschheit anempfohlen werden.


Reise durch die Reformation

In Eisleben und Wittenberg sind bereits sechs historische Stätten, etwa die Schlosskirche, das Luther- und das Melanchthon-Haus, als Weltkulturerbe anerkannt. Die Stiftung Luthergedenkstätten hat nun ein weitergreifendes Konzept entwickelt, das die fundamentalen Umwälzungen im Zuge der Reforma tion in Deutschland im Gesamtzusammenhang darstellen soll. Gegenwärtig laufen die Vorbereitungen, damit das Auswärtige Amt am 1. Februar 2016 in Paris den Erweiterungsantrag zum bestehenden Welterbe stellen kann. An zwölf weiteren authentischen Orten soll der historische Weg der Reformation in Mitteldeutschland verdeutlicht werden. Der Weg wäre dann faktisch oder als virtuelle Reise im Internet für den Interessierten nachvollziehbar.
So soll das Augustinerkloster in Erfurt, in das Luther 1505 eintrat, als zentraler spiritueller Ort herausgestellt werden. Schloss Hartenfels in Torgau, die neue Hauptresidenz der ernestinischen Linie der Wettiner, war das politische Zentrum der Reformation. Und Coburg könnte den militärischen Aspekt demonstrieren. "Die Veste Coburg ist die einzige Burg im Kernland der Reformation, an der die Wehrhaftigkeit, der militärische Aspekt, abzulesen ist. An ihrer Entwicklung ist nachvollziehbar, dass die Reformation kein Ponyhof war", wie es Klaus Weschenfelder flapsig auf den Punkt bringt. Sie wurde mit militärischen Mitteln durchgesetzt, unter anderem im 30-jährigen Krieg (in dem es auch um viele andere Aspekte ging).


Ein Bollwerk am Südrand

Die Pulvertürme wurden errichtet, um die Veste gegen erwartete Auseinandersetzungen nach der Verbrennung von Jan Hus 1415 zu sichern. Nach dem gescheiterten Augsburger Reichstag von 1530 stehen die Zeichen auf Krieg; Martin Luther, unter Reichsacht stehend, verbrachte ein halbes Jahr auf der Veste Coburg. Die wird nun zur Landesfestung ausgebaut, die Hohe Bastei wird errichtet. Im Zuge des 30-jährigen Krieges wird die Veste erneut verstärkt, als Bollwerk an der Südgrenze des reformierten Territoriums.
Im Innern der Veste sind die Lutherstube und die Große Hofstube authentische Zeugnisse der Reforma tionsgeschichte, wenn auch nicht mehr im ursprünglichen Zustand erhalten. Zur Architektur kommt die seit dem 19. Jahrhundert intensiv gepflegte Luther-Memoria. Ernst I. ließ ein Reformatoren-Zimmer einrichten. Schließlich haben die Ernestiner der Reformation zum Durchbruch verholfen.
Was bringt's vor Ort, vom erwarteten touristischen Gewinn abgesehen? "Wir haben über 1200 Exponate zum Bereich Luther, viele gar nicht ausgestellt, darunter über hundert Grafiken", berichtet Weschenfelder. Diesen Schatz möchte er zumindest für den Internet-Zugriff aufarbeiten und attraktiv darstellen.
Weit darüber hinaus aber könnte der gesamte Prozess für ganz Oberfranken einen neuen Impuls im historischen Bewusstsein setzen.