von unserem Redaktionsmitglied Hans Kurz

Breitengüßbach — Während am Kreisel im Süden von Breitengüßbach und hinter Unteroberndorf die Bagger schon am Werk sind, ist im Ort von der kommenden Großbaustelle im Moment noch relativ wenig zu spüren. Es ist wohl die Ruhe vor dem Sturm.
Seit mehr als 30 Jahren leben Michael Huth und Lucia de Figueiredo-Huth in Breitengüßbach mit und an der Bahn. Hinter dem Garten ihres Hauses befindet sich noch eine kleine Straße, eine Sackgasse, die eigentlich nur von Radfahrern und Fußgängern benutzt wird. Unmittelbar daneben geht es vier, fünf Meter eine Böschung hinunter. Dort verlaufen die zwei Gleise, auf denen die Züge vorbeirauschen. Das Künstlerehepaar hat sich daran gewöhnt.
Die neuen Regionalexpress-Züge und auch die ICEs seien okay. Früher waren die Personenzüge lauter. Nur der Lärm der Güterzüge, die vor allem nachts auf der Strecke unterwegs sind, sei schwer zu ertragen. Keine 40 Meter Luftlinie sind es bis zum Schlafzimmerfenster.
In einem Monat wird hier kein Zug mehr vorbeifahren, nicht am Tag und nicht in der Nacht, kein ICE und auch kein Güterzug - acht Monate lang. Aber Ruhe wird nicht einkehren. Die Huths und ihre Nachbarn bekommen dafür ein ganz anderes Lärmproblem: die Baustelle zum viergleisigen Ausbau der Bahntrasse zwischen Breitengüßbach und Zapfendorf, für die vom 11. Januar bis voraussichtlich 4. September 2016 die Bahnstrecke zwischen Bamberg und Lichtenfels komplett gesperrt wird. Der Baustellenlärm wird die Zuggeräusche wohl noch übertreffen, befürchtet Lucia de Figueiredo. Gearbeitet werden soll ja teils rund um die Uhr und auch am Wochenende.


Baustraßen rund ums Haus

Es kann nicht nur laut werden. Auf den vorliegenden Plänen sind die Straßen rund ums Haus als Baustraßen eingezeichnet, die Sackgasse ist noch als solche auszubauen - und zwar durchgehend bis zur Abzweigung nach Unteroberndorf. Die ersten Stromversorgungsleitungen wurden bereits gelegt.
Wenn an den Bahngleisen und auch auf den Baustraßen schweres Gerät zum Einsatz kommt, dann wird es auch Erschütterungen geben. Immerhin hat vor einigen Tagen ein Bausachverständiger im Auftrag der Bahn den Zustand des Hauses in Wort und Bild dokumentiert. Schäden am Mauerwerk gibt es bislang keine.


Eichen müssen weichen

Auch auf das Umfeld des Hauses wird sich die Baustelle prägend auswirken. Bisher fährt die Bahn sozusagen durch einen grünen Tunnel, vom Haus und auch von der Straße aus kaum zu sehen. Sobald die Strecke gesperrt ist, werden wohl zuerst die großen Eichen und andere Bäume am Bahndamm weichen müssen.
Die Eichen waren schon stattliche Bäume, als die Huths hierher zogen. Heute sind sie etwa doppelt so groß wie damals, schätzt Michael Huth. "Das war dann wohl der vorerst letzte schöne Sommer im Grünen", stellte er noch an einem sonnigen Herbsttag Ende September fest.
Im kommenden September wird dann die Bahnstrecke wieder freigegeben. Ob dann auch die Baustelle am Haus rasch wieder verschwindet, steht in den Sternen. Ebenso, ob die Schallschutzwände unten in der Senke am Gleis ausreichen.


Lärm durch die Hintertür?

Eine Befürchtung vieler Anwohner ist, dass der Lärm durch das Überwerfungsbauwerk bei Unteroberndorf sozusagen hinten herum in die Wohngebiete dringt. Schon wenige Meter hinter dem Haus der Huths beginnt die Abzweigung für das ICE-Gleis, das dann über die beiden inneren Gleise hinweg geführt und hinter Unteroberndorf dann direkt neben dem anderen ICE-Gleis die Neubaustrecke bilden wird.
Zwar hat die Gemeinde Breitengüßbach erreicht, dass die Lärmschutzwand länger wird, als ursprünglich von der Bahn geplant. Doch was ist, wenn sich der Bahnlärm einfach von Norden her hinter dieser Mauer ausbreitet? Die Antwort darauf werden die Huths in etwa einem Jahr geben können.