VON Cordula Kappner

Haßfurt — Seit dem 9. November 1988 steht in der Haßfurter Promenade ein Denkmal, das an die Deportation der jüdischen Bürger Haßfurts erinnert. Chana Pines, als Hannelore Heimann im nahen Bamberg geboren und in Haßfurt aufgewachsen, schuf das Denkmal im Auftrag der Stadt Haßfurt zur Erinnerung an die ausgelöschte jüdische Gemeinde der Stadt, zu der auch ihre Eltern gehörten. Jetzt wurden an dem Denkmal die 24 Namen der in den Gaskammern ermordeten jüdischen Haßfurter angebracht.
Am Freitag, 8. Mai, 70 Jahre nach Kriegsende, wird das Denkmal neu enthüllt. Die Stadt Haßfurt lädt ihre Bürger an diesem Tag um 11 Uhr zur Übergabe an die Öffentlichkeit ein.

Begegnung

Chana Pines kann aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen, aber ihr Mann Kapei Pines und die Töchter Ori und Niri sind der Einladung nach Haßfurt gerne gefolgt. Nach der Zeremonie findet eine Möglichkeit zur persönlichen Begegnung der Gäste im Altstadthotel statt. Auf der Fläche des heutigen Altstadthotels stand einst die Schule, die die jüdischen und christlichen Kinder gemeinsam besucht haben - bis zum Schulverbot für die jüdischen Kinder im Herbst 1938.
Salomon und Ida Heimann, die Eltern von Chana Pines, wohnten in der Unteren Hauptstraße in Haßfurt und führten dort ein Schuhgeschäft. Hier wuchs die 1925 geborene Tochter Hannelore (Chana Pines) auf. Salomon Heimann stammte aus Aub bei Würzburg, Ida Franks Familie kam ursprünglich aus dem Wonfurter Judenhof.
Ascher Cohen, der frühere Alfred Kahn, erinnerte sich 1998: "Salomon Heimann dichtete in seiner Freizeit. In seinen Gedichten beschrieb er Alltagssituationen der Menschen um sich herum." Er war ein heiterer, humorvoller Mensch. "Sally, was ist die Lage?", wurde er manchmal gefragt.
Das Jahr 1938 war ein unheilvolles Jahr für die Familie Heimann. Im Januar 1938 verlor sie durch die Zwangsarisierung ihr Geschäft, im November musste sie ihr Haus verkaufen. Dazwischen lagen das Novemberpogrom (die sogenannte "Kristallnacht") und die Verhaftung von Salomon Heimann in den frühen Morgenstunden des 10. November 1938. Seine im Ersten Weltkrieg erworbenen Auszeichnungen verhalfen ihm dann zur Freilassung aus der Nazi-Haft.
Am 1. Juli 1939 meldete die Stadt Haßfurt an das Landratsamt: Der Stand der Juden beträgt am 1. Juli 1939 genau 31, davon sind fünf staatenlos. Am 22. Dezember 1939 mussten Ida und Salomon Heimann ihr Haus verlassen und in das Haßfurter Ghetto in der Brückenstraße, damals Fritz-Sauckel-Straße, ziehen. Dort blieben sie, bis sie am 22. April 1942, einem Mittwoch, Haßfurt endgültig verlassen mussten, zusammen mit den anderen Bewohnern unter 65 Jahren. Sie kamen nicht mehr zurück. Die Nazis ermordeten Ida und Salomon Heimann in einem ihrer Vernichtungslager.

Rettung über Großbritannien

Hannelore Heimann (Chana Pines) überlebte die Verfolgung durch Nazideutschland. Im Juni 1939 hatte Salomon Heimann seine Tochter nach Würzburg an den Zug gebracht. Es war ihm gelungen, das Kind mit einem Kindertransport nach Großbritannien zu schicken und damit zu retten (der erste Transport kam in den ersten Dezembertagen 1938 an, der letzte Vorkriegstransport am 31. August 1939 aus Berlin. Der am 1. September vorgesehene Transport aus Wien musste wieder zurückkehren. Die Mehrzahl der Kinder hat nicht überlebt.)
In Großbritannien wurden die jüdischen Kinder-Flüchtlinge auf sogenannten Versteigerungen angeboten. Für viele Kinder eine traumatische Erfahrung. "Ich habe Glück gehabt", sagte Hannelore Heimann später einmal. " Ich habe eine Familie gefunden, die mir eine Ausbildung ermöglichte und gut für mich sorgte". Nach Kriegsende gelangte Hannelore Heimann über Paris nach Palästina in den Kibbuz Misra, einen nichtreligiösen, sozialistisch orientierten Kibbuz.
Sie heiratete den Journalisten Kapei Pines, geboren in Moskau und ein Sohn des Gründers der Zeitung "Davar". Familie Pines lebte mit ihren zwei Töchtern, Ori und Niri in Ramat Motza, einem kleinen Ort bei Jerusalem, bis sie aus Altersgründen sich in der neuen Siedlung Ganei Omer bei Beerschewa niederließ.
Chana Pines hat das optimistische Temperament ihres Vaters geerbt, das es ihr erleichtert, mit der Vergangenheit fertig zu werden. 1983 war sie zum ersten Mal in Deutschland, zusammen mit ihrem Mann, der zu einem Kongress eingeladen war. Wichtig für sie ist ihre Arbeit. Sie ist eine berühmte Keramikkünstlerin in Israel. Als sie seinerzeit von der israelischen Regierung den Auftrag für ein Staatsgeschenk an den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt erhielt, wurde daraus nach vielen Überlegungen eine Arche Noah. Neben der Töpferei zeichnet sie viele Karikaturen für die Zeitung. "Humor ist in meinem Leben strengstes Motiv, ist eine Lebenseinstellung, die alles in der rechten Perspektive erscheinen lässt. Ein Mensch muss lachen können über sich selbst."
In Ganei Omer, dem Wohnort von Chana Pines, lebt auch noch ein anderes Haßfurter "Kind": Sofie Kahn, die Tochter von Max und Rosalie Kahn, die im Eckhaus an der Brückenstraße gewohnt haben. In der Synagoge von Sofie Kahns Bruder Arthur befindet sich heute die Thorarolle der einstigen jüdischen Gemeinde von Haßfurt.