Am Anfang sah es nach einem Wechselbad der Gefühle aus, aber dann entwickelte sich die Bürgerversammlung im Geisfelder Pfarrsaal in eine gut zweistündige kalte Dusche für die anwesenden Gemeinderäte und Bürgermeister Wolfgang Desel (CSU). Der hatte anfangs noch schön aufgedröselt, was die Gemeinde Strullendorf laut Haushaltsplan in diesem Jahr Geisfeld zugutekommen lassen möchte; die Gemüter besänftigen konnte er damit aber nicht: Der wohl überwiegende Teil der Ortsbewohner ist stinksauer wegen der mehrheitlichen Ablehnung einer möglichen Ortsumgehung durch den Bürgermeister und seinen Rat. Die im Dezember 2014 beschlossene Suche nach alternativer Verkehrsberuhigung auf den Durchfahrtsstraßen betrachten die Geisfelder als pure "Zeit- und Geldverschwendung". Eine Fahrbahnverengung da, eine Fußgänger- und Radlerquerung dort, vielleicht auch ein neuer Gehweg - das alles helfe nicht, den Verkehr zu verringern, schärften Sprecher der Dorfgemeinschaft den Kommunalpolitikern ein. Rechtfertigungsversuche etwa des Bürgermeisters oder der Gemeinderäte Stefan Zahner sowie Petra und Ulrich Schwantes wurden mit Hohngelächter und Buhrufen quittiert. Unverkennbar: In Geisfeld kocht die Volksseele. Und das hat eine lange Vorgeschichte.
So erinnerte der frühere Gemeinderat Manfred Kestler daran, dass der frühere CSU-Landtagsabgeordnete Philipp Vollkommer vor drei Jahrzehnten den Standpunkt vertrat: Ohne Ortsumgehung mache eine Dorfsanierung von Geisfeld keinen Sinn. Entsprechend seien bei der Flurbereinigung die Trassen für die Umgehungsstraßen berücksichtigt worden. Fast sei Geisfeld auch schon am Ziel gewesen, doch dann wurden die finanziellen Kräfte des Staates durch die deutsche Wiedervereinigung andernorts gebunden.
Geisfeld übte sich in Geduld, aber in dem Bewusstsein: Wenn der Staat wieder flüssig ist, kommt die Ortsumgehung. Als nun dieser Zeitpunkt eingetreten war und der Staat im Rahmen einer Sonderbaumaßnahme 85 Prozent Zuschuss zu den auf rund 6,2 Millionen Euro veranschlagten Ortsumfahrungen anbot, winkte der Gemeinderat ab. Mit 14:7 Stimmen wurde am 12. Dezember der Bau einer West- und Südumgehung für die Staatsstraßen abgelehnt. Als Grund wurde unter anderem angeführt, die mit 3500 Fahrzeugen pro Tag eher geringe Verkehrsfrequenz rechtfertige den Millioneneinsatz aus der Staats- und Gemeindekasse nicht.
Ein weiterer Aspekt war die offene Frage, ob und wann - nach einem eventuell zeitraubenden Planfeststellungsverfahren - alle erforderlichen Grundstücke erworben werden können. "Die einmalige Chance", von der CSU-Fraktionschef Georg Dresel damals sprach, wurde nicht ergriffen. Seitdem entzweit sich die Dorfgemeinschaft, was allenthalben bedauert wird.
In der Zwischenzeit beauftragte der Gemeinderat das Architekturbüro Sauer und Harrer mit Plänen für eine Verkehrsberuhigung, um beim Staatlichen Bauamt Bamberg ausloten zu können, was überhaupt möglich und zuschussfähig ist. Die bereits im Gemeinderat erörterten Vorschläge werden von der Dorfbevölkerung jedoch nicht einmal als Trostpflaster akzeptiert.


Dauerstress

Wenn weiterhin 40-Tonner in einem Meter Abstand um ein Wohngebäude rumpeln, wenn der Berufsverkehr von morgens früh bis abends spät und an Wochenenden auch noch scharenweise die Fränkische-Schweiz-Ausflügler einschließlich der donnernden Motorrad-Kolonnen durch Geisfelds enge und kurvige Straßen dröhnen, dann führt das zu Dauerstress, ungesunder Lärm- und Abgasbelastung sowie zu ständigen Unfallgefahren. "Wir sind mit unseren Nerven am Ende," klagte eine Anliegerin mit Tränen in den Augen.
Für den Herbst kündigte Bürgermeister Desel die Entscheidung des Gemeinderates über die Verwirklichung der Alternativpläne an. Zum Verdruss der zahlreich zur Bürgerversammlung erschienenen Geisfelder wollte sich Desel nicht festlegen, ob er für den Bau der Ortsumgehung wenigstens dann eintreten möchte, wenn sich herausstellen sollte, das die Pläne zur Verkehrsberuhigung untauglich sind. Zusagen wollte er aber, dass Geisfeld geholfen werde. Gleichzeitig machte Desel auf die zunehmende finanzielle Belastung der Gemeinde Strullendorf aufmerksam. Allein für die Wasserversorgung und die Infrastruktur müssten in den nächsten Jahren an die zwölf Millionen Euro ausgegeben werden. Das Geisfelder Anliegen würde tatsächlich anders bewertet, wenn es zu schweren Unfällen auf den Ortsdurchfahrten kommen würde, räumte der Bürgermeister ein.
Dass wirklich erst etwas Schlimmes passieren muss, tröstet die Geisfelder natürlich nicht. Aber ganz aufgeben will die Dorfmehrheit die Hoffnung auch nicht, dass die Umgehungsstraßen doch noch verwirklicht werden. Manfred Kestler hatte von seinem Parteifreund MdL Heinrich Rudrof die Information mitgebracht, dass Geisfeld noch in diesem Jahr als Sonderbaumaßnahme mit hohem Zuschuss berücksichtigt werden könnte. Der Bürgermeister will sich jedoch nicht auf Hörensagen, sondern auf Fakten stützen. Bürger wiederum betrachten die Bemühungen um mehr Verkehrssicherheit auf den Staatsstraßen als Scheinheiligkeit. Wenn der Mensch an erster Stelle stehe, dann müsse es zum Bau der Umgehungsstraßen kommen, betonten mehrere Sprecher.
Gemeinderat Stefan Zahner rechtfertigte seine Haltung gegen die Ortsumgehung und bekannte, sich gegebenenfalls erneut genauso zu entscheiden wie im Dezember 2014. Weil jedem Gemeinderat klar gewesen sei, dass die Ablehnung des Projekts zu keiner Verringerung der Verkehrsbelastung führen würde, habe man beschlossen, Maßnahmen zur Verlangsamung des Verkehrs zu ergreifen.
"Für diesen Blödsinn werden sie bei der nächsten Wahl die Quittung bekommen", wurde den Kommunalpolitikern prophezeit. Nur ein Diskussionsteilnehmer erkannte im Verzicht auf die Umgehungsstraßen einen Vorteil "für die Natur", die so nicht zerstört werde. Aber auf derlei Argumente hatten die Bürger keine Lust. Petra Schwantes beklagte denn auch Anfeindungen und das Verlassen einer sachlichen Diskussionsebene.
Zum Schluss wurde noch ein Antrag gestellt, mit dem sich der Gemeinderat befassen muss: Der Wunsch nach einem Geschwindigkeitsanzeiger per Radarsensor. So bleibt Geisfeld im Gemeinderat auf der Tagesordnung, nicht nur wegen der beschlossenen Kanalsanierung (186 000 Euro), der Friedhofssanierung (280 000 Euro), des neuen Feuerwehrfahrzeugs (140 000 Euro), der Platzgestaltung an der Magdalenenstraße (10 000 Euro) sowie der Straßenerneuerung am Mittleren Geisberg.