von unserem Mitarbeiter Bertram Wagner

Strullendorf — Deutsche Fußballfans, die wochenlang die brasilianische WM genossen und von Stadion zu Stadion zogen, gab es in den letzten Wochen viele. Solche wie das Strullendorfer Trio Bernhard Zöllner, Uli Spörlein und Barbara Hopfe gehören eher zu einer Minderheit: Sie sahen vier WM-Spiele live, leisteten aber auch Hilfe vor Ort. In der 20 000-Einwohner-Stadt Pirapetinga, dreieinhalb Autostunden von Rio de Janeiro entfernt, gab es für die Franken im Gotteshaus stehende Ovationen, als sie Pater Walter einen Scheck über 3500 Euro und dazu 45 Kilo an sportlichem Outfit, vor allem Trikots, überreichten. Weitere 1500 Euro flossen an ein Waisenhaus in Sao Paulo.
Aus diesem Anlass findet am kommenden Samstag um 20 Uhr in der Strullendorfer Theaterscheune (Forchheimer Straße) bei freiem Eintritt ein Vortrag über diese ganz besondere Brasilien-Tour statt. Dabei stehen die Erzählungen über den herzlichen Empfang, die Spendenübergabe und die daraus resultierende Freude im Mittelpunkt. Natürlich kommen auch die sportlichen Highlights nicht zu kurz.
"Das vergisst du dein Leben nicht" (Zöllner), "das war extrem emotional, da musste man schon schlucken" (Spörlein) - so beschreiben die Strullendorfer die beeindruckenden Erlebnisse fern der Stadien. Für den Letztgenannten war es ein Besuch der besonderen Art, denn Uli Spörlein war bereits zum dritten Mal in Pirapetinga, traf dort viele "alte Bekannte" und gehört zu den Strullendorfern, die vor über drei Jahrzehnten die Beziehungen zu Pater Walter mit einem unvergesslichen "Stockweg-Fest" aufbauten und seitdem nicht mehr abreißen ließ. Er leistet zusammen mit einigen Strullendorfern eine Entwicklungshilfe, die direkter nicht sein kann.
Damals überreichten die Strullendorfer 30 000 DM, die zur Renovierung der Kirche und des Pfarrzentrums verwendet wurden. Auch zahlreiche Stadtteil-Häuser entstanden aus finanziellen Mitteln, die seitdem in gewisser Regelmäßigkeit zu Pater Walter, der viele Kontakte nach Strullendorf hat, fließen. Dass die WM-Reise mit diesem sozialen Element ermöglicht wurde, ist vielen heimischen Sponsoren zu verdanken, die im Mai anlässlich eines "Brasilianischen Abends" in der Theaterscheune der "Kulturbanausen" ihre Geldbeutel öffneten und Spörlein und Co. bestens für Pirapetinga ausstatteten.
Trotz der Traumstrände in Recife, Rio oder Fortaleza und der unvergesslichen Fußballerlebnisse (u. a. Niederlande-Spanien 5:1 und Deutschland-Ghana 2:2) war es der erste Sonntag in Südamerika, der unvergesslich werden sollte. Dazu muss man wissen, dass die Kirche der Mittelpunkt des Ortes ist. Dort spielt sich alles ab, werden die Bürger bei Live-Musik miteinbezogen. In jenem Gottesdienst waren es - anstatt der Predigt - die Strullendorfer, die dafür sorgten, dass immer wieder Beifall aufbrandete, als Pater Walter die europäischen Gäste vorstellte und aufzählte, was mit "Strullendorfer Geld" schon alles gebaut wurde. Vor dem Altar dann der große Moment: Scheckübergabe der 10 000 brasilianischen Real! Zum Vergleich: Das ist mehr als das Jahres-Einkommen eines Brasilianers, der im produzierendem Gewerbe gut verdient. "Standing Ovations" und Autogrammstunde! Die Strullendorfer wurden gefeiert (Spörlein: "Allein der Friedensgruß dauerte eine Viertelstunde"), mit brasilianischem Essen gut bekocht, bekamen viele Einladungen zu WM-Spielen vor dem Fernseher, und es war für den 74-jährigen Pater eine Herzensangelegenheit, dass er den Gästen aus Franken zeigen konnte, was mit dem Geld bislang passiert ist. Da gehörte ein Besuch in den ärmlichen Favelas dazu.
Knapp eine Woche blieben die Strullendorfer WM-Fahrer in Pirapetinga und wurden stürmisch verabschiedet, als sie zu ihrr siebenstündigen Autofahrt nach Belo Horizonte aufbrachen.
Eines steht fest: Die WM in Brasilien ist Vergangenheit, der Jubel verhallt, die Beziehung zwischen Strullendorf und Pirapetinga - immerhin über 9500 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt - bleibt noch lange bestehen. Der WM-Besuch war ein Meilenstein dieser fränkisch-brasilianischen Freundschaft.