Zum Artikel "Am Ende eine tiefe Enttäuschung" vom 30. Januar:

Den Artikel habe ich mit Bestürzung gelesen, denn mein Mann und ich waren Mitglieder im Helferkreis. Wir waren zwar nur gelegentlich tätig, doch hat sich uns die Situation ganz anders dargestellt. Insofern zeigt das Interview mit Familie Winkel nur die eine Seite auf.
Zum Inhalt sollten meines Erachtens nur direkt Beteiligte Stellung nehmen, wozu ich eben nicht gehöre. Doch kommt hier mein Entsetzen wieder hoch - wie vor einem Jahr bei der Bürgerversammlung in Igensdorf, als wir darüber informiert wurden, dass Flüchtlinge zu uns kommen. Viele Stimmen wurden damals laut, die in ihrer Angst recht wild um sich geschlagen haben, oft ohne "Rücksicht auf Verluste".
Die Angst verstehe ich durchaus - doch rechtfertigt sie all unser Tun? Vor allem: Heute, nach einem Jahr, hat man Kontakte geschlossen und alles war gar nicht so schlimm wie man vorher dachte. Ich war erschrocken über den Hass vor meiner Haustür.
Bei der Versammlung vor einem Jahr bin ich in meiner Fassungslosigkeit sitzen geblieben und habe nichts gesagt. Das will ich heute nachholen. Wir nennen uns ein tolerantes Land und pochen gar auf unserem Recht zur freien Meinungsäußerung. Aber verwechseln wir dieses Recht nicht oft mit "Verurteilen"? Es ist manchmal nur ein schmaler Grat.
Der Helferkreis und auch die Flüchtlinge haben sicher Fehler gemacht - genau wie Familie Winkel auch. Und heute verfügen wir alle über ein Jahr mehr Erfahrung. Menschen machen Fehler. Das ist eine Tatsache. Aber Menschen verfügen eben auch über die Gabe, aus Fehlern zu lernen. Deshalb appelliere ich an Familie Winkel und alle, die zweifeln: Ja, Sie haben recht, es gibt die Fanatiker und es läuft auch viel falsch.
Und dann sehen Sie mal genau hin: Es passiert doch auch viel Gutes und viele Verbesserungen! Es ist nicht alles nur schwarz oder weiß. Unsere Welt ist bunt! Es sind eben Menschen mit Fehlern, die unsere Welt gestalten. Und wir alle haben die Möglichkeit mitzugestalten.
Es gibt eben nicht nur "eine" Wahrheit - oder anders gesagt: Alles hat zwei Seiten! Statt zu verurteilen sollten wir lieber uns selbst gegenüber ehrlich sein.
Wir selbst haben es täglich im Kleinen in der Hand, unsere Welt zu gestalten - in unserer Partnerschaft und Familie, unter Freunden, Nachbarn und Kollegen usw.

Kerstin Herold
Igensdorf