Ein stattlicher Herr mit schlohweißem Haar. Er will nur seinen Gehstock mit Silberknauf als Stütze, keinen zusätzlichen Arm. So kommt Tankred Dorst zur Vorfeier seines 90. Geburtstags im Haus der Berliner Festspiele auf die Bühne. Regisseure wie Jürgen Flimm und Dieter Dorn, Klaus Zehelein und Iris Laufenberg, Jossi Wieler und Hans Neuenfels geben dem großen Dramatiker die Ehre. Sie alle haben mit seinen Stücken gearbeitet, manchmal auch sich daran abgearbeitet.
Der "richtige" Geburtstag ist jetzt am Samstag. Dorst verzieht sich mit seiner Frau und langjährigen künstlerischen Gefährtin Ursula Ehler (75) von der neuen Wahlheimat Berlin aufs Land. "Dort werde ich zwei Tage verbringen und vielleicht schreibe ich ein neues Stück", sagt er und lächelt verschmitzt in sich hinein.


Festwoche in Coburg

Mehr als 50 Theaterstücke hat Tankred Dorst in den vergangenen 50 Jahren geschrieben. ein weiteres sollte ursprünglich als Uraufführung Im Januar am Landestheater Coburg hinzukommen. Krankheitsbedingt konnte Dorst das Stück alleredings noch nicht vollenden. Gleichwohl nimmt Coburgs Intendant Bodo Busse den 90. Geburtstag des in Oberlind bei Sonneberg geborenen Autors zum Anlass für eine Festwoche zwischen Sonntag, 24. Januar, und Freitag, 29. Januar. Das umfangreiche Programm sieht Lesungen, Vorträgen und Gesprächen vor. Dorst ist einer der wichtigsten und produktivsten Autoren des deutschen Gegenwartstheaters, der sich hartnäckig jedem Schubladendenken widersetzt. Es sind unterschiedlichste Themen und Formen - Possen und Parabeln, Märchen und Mythen, Psychostudien und Politgeschichten. Und doch geht es letztlich immer wieder um das Scheitern des Menschen an seinen Utopien. "Das Heillose ist für den Dramatiker segensreich, da es ihn mit Stoff versorgt", sagte er einmal. 
Dorsts Meisterwerk ist bis heute das Antikriegsstück "Merlin oder Das wüste Land", das 1981 am Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere feierte. Die Neuauflage der Artussage mit dem Zauberer und Teufelssohn Merlin ist mit ihren fast 400 Seiten, 97 Szenen und bis zu zehn Stunden Aufführungsdauer eine Herausforderung für jeden ambitionierten Theatermacher. "Ein grandioser Weltuntergangsentwurf wie Wagners "Ring"", befand "Die Zeit".
Weltuntergang - das ist früh Dorsts Lebensthema. Der Vater, ein Fabrikbesitzer aus dem thüringischen Oberlind, stirbt, als er sechs ist. Mit 17 wird er kurz vor Kriegsende an die Westfront geschickt und gerät für mehrere Jahre in amerikanische Gefangenschaft. Zurück in der Heimat ist er entwurzelt und orientierungslos, bis während des Studiums die Arbeit an einem Münchner Marionettentheater für Erwachsene die Wende bringt. Seine ersten prägenden Theatererlebnisse verdankt Dorst übrigens nach eigenem Bekunden Besuchen im Coburger Landestheater. dpa/ct