Matthias Einwag

In einem Schloss aufzuwachsen ist der Traum vieler Kinder. Die Gänge und Gemächer, unheimlichen Ecken und Gewölbe sind der Stoff, aus dem Kinderbücher gemacht werden. Hans von Rotenhan ist wirklich in einem Schloss aufgewachsen.
In Schloss Rentweinsdorf verbrachte der 64-Jährige seine Kindheit und Jugend. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, in dem er mit Humor und viel Sinn für groteske Szenen diese Zeit nachzeichnet. Verwandte und Freunde porträtiert er - und da ist der Bobbelootz, das unsichtbare Schlossgespenst. Ein unheimliches Wesen.


Schöne, lebendige Sprache

Über den Bobbelootz schreibt Rotenhan: "Das Wichtigste aber an diesem Teil des Kellers war, ist und bleibt der Bobbelootz. (,Porcuslupo schleichbierensis imm.') Dieses Wesen ist eine Mutation aus der Kreuzung des Wolfs mit dem Wildschwein und einigen nicht definierten Sprenkeln. Das Tier gilt als besonders aggressiv. Glücklicherweise trat durch den angedeuteten Gen-Cocktail Zeugungsunfähigkeit ein. Dafür aber ist der Bobbelootz unsterblich, daher (imm). Und weil das Ungetüm nur in Rentweinsdorf vorkommt, heißt es in seinem lateinischen wissenschaftlichen Namen ,schleichbierensis'. Wir veralberten den Ortsnamen Rent-Weins-Dorf in Schleich-Bier-Stadt. Die Pfoten ohne die Krallen sind so groß wie Bierdeckel, die Augen stets blutunterlaufen und aus dem stinkenden Maul sabbert ständig grünlicher Glibber.
Der Bobbelootz wohnt hinter der angelehnten Tür, die zu diesem Teil des Kellers führt. Sie wurde nie bewegt, weil dahinter schließlich der Bobbelootz wohnt. Da aus Gründen der guten Erziehung kleine Mädchen nicht den Wein holten, hatte er sich auf das Verschlingen von Knaben spezialisiert.
Und so sitzt der Bobbelootz mit schläfrigen Augen, rasselndem Atem, aber trotzdem stets aufmerksam hinter der Pforte. Ich hatte und habe noch immer eine immense Angst vor dem Bobbelootz und gestehe frei, dass ich noch nie in meinem Leben hinter die halb geöffnete Tür geschaut habe. Seit ich an diesem Bericht schreibe, träume ich sogar vom Bobbelootz.
Lange Jahre, und als Kind eh als ,Schisser' verschrien, bin ich stets davon ausgegangen, dass ich der Einzige meiner Geschwister war, dem die Gefährdung durch den Bobbelootz sternenklar vor Augen stand. Es hat Jahre gedauert, bis es mir aus heiterem Himmel wie Schuppen von den Augen fiel: Badda verlagerte den Wein in die Totenkammer, weil er offensichtlich vor dem Bobbelootz eine noch viel größeren Schiss hatte als ich."


Ironische Überspitzungen

Das Buch ist voll von liebenswerten Reminiszenzen an die Kindheit, wie sie wohl viele Leute haben. Detailgenau und voller ironischer Überspitzung beschreibt der Autor die Welt seiner Kindheit.
Die Kapitel sind den jeweiligen Räumen des Schlosses gewidmet, um die sich die Anekdoten ranken: Treppen und Säle und Bibliothek, Garten und Schlosshof werden vorgestellt, und natürlich die damaligen Bewohner. Immer spukt der Bobbelootz herum, zwischen Schränken genauso wie unter den Betten und im morastigen See im Baunachgrund.


Das Alleinstellungsmerkmal

Die "Runde Eckstube", die dem Buch den Namen gibt, gilt als das schönste Zimmer im Schloss. "Es ist bedauerlich", schreibt Hans von Rotenhan, "dass die Stube heute Spiegelsalon genannt wird. Zur Umbenennung führte wohl ein einziger Grund. So wie jede bessere Residenz einen Kaisersaal besitzt, zählt jedes halbwegs schnörkelige Schloss einen Spiegelsalon zu seinen Sehenswürdigkeiten." Eine "Runde Eckstube" aber habe nicht jeder: "Hier hat meine Familie ein geradezu universelles Alleinstellungsmerkmal ohne jede Not aufgegeben."
Das Buch ist mit zahlreichen Bildern versehen, die das Geschilderte lebhaft verdeutlichen. Es ist eine Zeitreise in die 1950er- und 1960er-Jahre. Die damaligen Erziehungsmethoden tauchen ebenso aus dem Dunkel auf wie pubertäre Ausbruchsversuche.
Spannend auch: Das politische Zeitgeschehen in der jungen Bundesrepublik scheint stets schlaglichtartig mit hinein.


Ein Rundgang durchs Schloss

Wunderbar gelungen sind die Architektur-Grafiken, die aufzeigen, wo die einzelnen Räume in der mehrgeschossigen Dreiflügelanlage des Schlosses liegen. Wie ein GPS-System lotsen sie den Leser durch die locker aneinandergereihten Kapitel des Buches - durch Küchen, Treppchen-Klo und Speisekammer, durch die Zimmerfluchten der Eltern, Großeltern und diverser Muhmen, die das Schloss bewohnten.
Etwa Tante Irmgard. Sie hatte ein Händchen für Fremdwörter, wie Hans von Rotenhan beschreibt. Eines Tages kam sie beeindruckt von einem Verwandtenbesuch zurück und berichtete, dort sei man so vornehm, dass diese Familie vor dem Mittagessen einen "Imperativ" zu nehmen pflege.