Frank Sinatra inspiriert Gerhard Langer. "I dit it my way" singt der Amerikaner. Solange es Langer möglich, er körperlich und geistig fit ist, will er aktiv sein - seinen Weg gehen. Auch Werner Reisbeck hat in einer der ersten Geschichten der Demografieserie verraten, dass für ihn zum erfüllten Altwerden eine Beschäftigung dazugehört.
Während Reisbeck mit 80 Jahren auf dem Familienhof oder dem Markt anpackt, hat Langer eine Stelle gefunden, bei der er das tun kann, was er auch in seiner Freizeit macht: Lesen, Neues aus Zeitungen erfahren. Während des Lesens sucht Langer dabei die Seiten des Fränkischen Tags auf Fehler ab.
Gerhard Langer ist 66 Jahre alt, war Rektor der Kilian-Grundschule in Scheßlitz. Hat über Jahre "immer was zu tun" gehabt und "sehr viel geschaffen". Ihm wurden im Berufsalltag oft 120 Prozent abgefordert. Mit dem Beginn der Sommerferien 2015 gab es plötzlich nicht mehr so viel zu tun, der Ruhestand begann.


Jeder muss für sich entscheiden

Den richtigen Zeitpunkt, um seinen Ruhestand anzutreten, den gibt es nicht. So viel verrät Andreas Mergenthaler vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gleich. Der richtige Zeitpunkt hängt für jeden einzelnen Arbeitnehmer "von seinen individuellen Fähigkeiten und Vorstellungen ab". Der Wissenschaftler wird im Dezember an der Universität Bamberg ein Seminar zum Thema "Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf den Übergang in den Ruhestand" geben. Für ihn ist der Übergang in den Ruhestand in aller Regel kein einmaliges Ereignis, sondern vielmehr ein Prozess. Mit dazu gehörten eine Planung-, eine Übergangs- und eine Anpassungsphase. "Es ist eher eine Frage, wie man die Phasen dieses Prozesses individuell gestaltet, um den unterschiedlichen Lebensentwürfen im späten Erwachsenenalter gerecht zu werden", erklärt Mergenthaler. Nicht zu vergessen sei, dass die Wahl des richtigen Zeitpunkts von der Familiensituation abhänge. Reicht das Geld in der Familie aus? Arbeitet der Partner noch länger?
Aus Studien zur Erwerbsarbeit jenseits der Regelaltersgrenze sei bekannt, dass für ältere Menschen vor allem individuelle und soziale Motive, wie zum Beispiel der Spaß an der Arbeit oder die Pflege von Sozialkontakten, im Vordergrund stehen. "Es geht nicht so sehr um eine Strukturierung des Alltags oder um finanzielle Motive, sondern eher um Selbstverwirklichung und der Weitergabe von Wissen und Erfahrungen an Jüngere", sagt Mergenthaler.
So ist das auch bei Gerhard Langer. Der sechsfache Großvater möchte gebraucht werden. Und er hofft, dass er sich länger fit halten kann, dadurch, dass er geistig gefordert ist. Der Verdienst, der dabei herausspringt, der "macht das Leben leichter", sagt er. Aber er arbeitet nicht des Geldes wegen. Der neue Job musste vor allem bestimmte Kriterien erfüllen. Einige Allgemeine davon kennt der Wissenschaftler: "Ältere Menschen legen einen großen Wert auf eine flexible Arbeitsgestaltung hinsichtlich Zeit, Ort und Dauer der Tätigkeit." Maximal 29 Stunden pro Woche seien für die Altersgruppe der 65- bis 70-Jährigen die Regel, so Mergenthaler. Langer liest monatlich durchschnittlich 37,5 Stunden Seiten Korrektur, sind es mal ein, zwei Tage weniger im Monat, ist das für den Senior kein Problem. Abwechslung findet er auch privat: Die Enkel besuchen, sich beim Sportverein engagieren, für einen Schulbuchverlag schreiben - auch eine selbst geschriebene Krimigeschichte liegt daheim auf dem Schreibtisch. Nur selten - eigentlich nur, wenn die Brose Bamberg spielen - läuft bei Familie Langer der Fernseher. Für den ehemaligen Schulleiter hängt jede Tätigkeit mit der Gesundheit zusammen. Motiviert haben ihn auch Politiker, die im Alter nicht aufgeben. Eines ist ihm besonders wichtig: "Ich möchte nicht als Modell für ein ,Seht, so geht das‘ gelten." Für Langer ist es Glück, dass er die für sich ideale Beschäftigung gefunden hat, dass er gesund ist, die Kraft zum Arbeiten hat.
Aus Studien geht hervor: Wer im Ruhestand arbeitet, fühlt sich besser. Vorausgesetzt: Die Menschen treten ihren Ruhestand gesund an "und sie finden eine Tätigkeit, die ihren Wünschen und Vorstellungen entspricht", ergänzt Mergenthaler. Während sich Gerhard Langer oder Werner Reisbeck persönlich dafür entschieden haben, ihren Ruhestand mit neuen Herausforderungen zu füllen, müssen Politik und Wirtschaft die Herausforderung erst noch meistern, die steigenden Lebenserwartungen mit dem künftigen Renteneintritt zu vereinbaren. Ein erster Schritt ist das Flexi-Rentengesetz. Das Ziel: Mehr Menschen dazu bewegen, einige Jahre länger, aber dafür im Alter weniger zu arbeiten. Ob Teilzeitarbeit im Alter oder Minijob im Ruhestand - die Gesundheit wird im Alter wohl die größte Rolle dabei spielen, wie viele Senioren wirklich noch im Ruhestand arbeiten wollen, oder deutlicher gesagt: können. sd