von unserem Mitarbeiter Werner Reissaus

Kulmbach — Schon das Motto machte neugierig. Unter der Überschrift "Gerda erzählt delikate Anekdoten" stand am Sonntagabend die erste Kostümführung von Gerda Schievelbusch durch die Altstadt. Gewürzt war der Rundgang mit "Kulmbacher G'schichtla" - mal komisch, mal hintersinnig.
Der gut 90-minütige Spaziergang stieß auf ein reges Interesse. Über 20 Personen hatten sich an der Dr.-Stammberger-Halle eingefunden. Die Stadtführerin verstand es ausgezeichnet, die Teilnehmer tief und auch recht liebevoll in die Seele der einstigen Bewohner Kulmbachs blicken zu lassen.

Seit 30 Jahren Stadtführerin

Es war eine recht kurzweilige Kostümführung durch die Jahrhunderte, bei der die "Gerda" kein Blatt vor den Mund nahm und mitunter recht unverblümt daher plauderte, was sich damals alles so zugetragen hat. Zum Beispiel ging man im Badhaus nicht nur Hygieneangelegenheiten nach.
Gerda Schievelbusch ist schon seit 1984, also seit über 30 Jahren als Stadtführerin tätig: "Das hat damals der Landkreis Kulmbach initiiert. Man wollte mehr Touristen anlocken. Wir sind damals an verschiedenen Sonntagen mit Bussen durch den Landkreis gefahren und durch die Stadt gegangen und haben uns informieren lassen. Danach hat sich jeder hingesetzt und für sich etwas ausgearbeitet."
Gerda Schievelbusch sieht einen Trend zu kostümierten Führungen. "Ich wurde immer wieder angehalten, mir doch etwas zu überlegen. Das Übliche ist ja meistens, dass man sich bei solchen Stadtführungen als Marktfrau oder sogar als Prostituierte verkleidet. Das eine mochte ich nicht, und das andere passte nicht zu mir, weil ich nicht den Dialekt spreche, der hierher gehört. So bin ich auf dieses Biedermeier-Kostüm gekommen."

Mit Anfang zufrieden

Mit dem Anfang war Gerda Schievelbusch mehr als zufrieden: "Ich war überrascht, ein Teilnehmerkreis von etwa 20 Personen ist mir auch sehr angenehm, weil ich das stimmlich am besten bewältigen kann. Wenn ich 30 und 40 Leute habe, laufen die dann oft nur mit und hören mich nicht mehr."
Im Eigenstudium hat sich Gerda Schievelbusch den Text für die Führungen angeeignet: "Das eine oder andere habe ich in der Stadtbücherei oder teilweise auch im Internet gefunden." Ihre "G'schichtla" handeln von kleinen Skandalen und von Liebenswertem. So war die Rede von "Eva", die nackt ausgerechnet in einer Laube des Justizrates angetrofffen wurde. Sie bekam eine Gefängnis- und Kirchenstrafe, der Justizrat wurde degradiert und strafversetzt. Gerda Schievelbusch: "Das war 1783 und auch damals gab es schon Skandale!"
Weiter führte der Weg zum "Weißen Turm", der früher das Schuldgefängnis oder "Bürgerloch" war, und zum "Roten Turm". Warum der "Weiße Turm" einst die Bezeichnung "Branntweintürmlein" trug? Wahrscheinlich ist, dass die Kulmbacher dort "schwarz" ihren Schnaps brannten. Der "Rote Turm" war früher die Wohnung des Stadtpfeifers und Feuerwächters. An der früheren Stadtmauer ging es in Richtung Petrikirche, und "Gerda" erzählte dort eine schaurige Gruselgeschichte. Eine weitere Station bildete die frühere Lateinschule an der Petrikirche. Hier berichtete Gerda Schievelbusch über den gebürtigen Wonseeser Friedrich Taubmann, der als Bettelstudent ein Stipendium vom Markgrafen erhielt und später als Professor in Wittenberg Latein lehrte.
Vorbei am Prinzessinhaus ging der Weg weiter zum Badhaus, das einst das höchste Steueraufkommen in der Stadt hatte und abgerissen werden sollte. Sehr ausführlich beschrieb Schievelbusch den Beruf des "Baders", der drei Lehrjahre zu absolvieren hatte. Der Badebetrieb endete um 1806 und "Gerdas G`schichtla" wenige Meter weiter am Rathaus.
Die nächste Stadtführung mit "Gerda" ist am Sonntag, 20.September, vorgesehen