von unserem Redaktionsmitglied Petra Mayer

Bamberg — "Bitte nehmen Sie die Schippe!" Schon blicken Leser ins offene Grab eines Nudelfabrikanten, den Sigi Hirsch in einem Sarg aus Hartweizengries gleich ins Jenseits schickt. Im Teigwarenmilieu spielt der zweite Nonsens-Krimi des Autors um Tod bringende Kohlehydrate, die Adolf Fussilini auf der letzten Reise begleiten. Wie schon beim "Kartoffelmord" hat der Wahnsinn im "Nudelmord" Methode und karikiert jede Krimi-Konvention so gekonnt, dass wir den durchgeknallten Fall als Tipp zu "Franken Kulinaria" servieren.
Leise Kritik? Nein! Hirsch schwingt die Schaufel, um Zeitgenossen die Absurditäten des Lebens (und Ablebens) im 21. Jahrhundert vor Augen zu führen. Auf die Schippe nimmt der Autor nach den Nudeln, die die Trauergemeinde anstelle von Blumen ins Grab wirft, absonderliche Konventionen, Klischees, Stereotypen und Trends, darunter der liebgewonnene Hang der Unternehmenswelt zum Missmangagement. Auch die Krimi-Branche, in deren Haifischbecken sich zunehmend Blindgänger tummeln, bekommt ihr Fett ab. Wobei Hirsch angeödeten Genrefans zeigt, dass gegen selbstverliebte TV-Kommissare und andere Banausen sehr wohl ein Kraut gewachsen ist: Wickelkraut, wie sich der Ermittler nennt, den der Wahlbamberger als Alternative zu Batic, Leitmayr, Schweiger & Co. schon beim "Mantelmord" ins Spiel brachte.

Stroh-Rum aus der Kaffeekanne

Seither lösen Wickelkraut und Forensiker Winkelmuss Fälle erfrischend anders. Zumal der Kommissar seine grauen Zellen gern mit einer Tasse Stroh-Rum aus der Thermoskanne ins Trudeln bringt. Anders wäre die Inkompetenz, gegen die die Ermittler im "Nudelmord" ankämpfen, auch kaum zu ertragen. Beginnend beim Raubdezernat, das in den Fall involviert ist. Nachdem die Schweinegrippe alle Kollegen ausschaltete, ist die Putzkolonne als Aushilfstruppe in Doppelfunktion haltlos überlastet. Als ebenso dünn erweist sich die Personaldecke im gerichtsmedizinischen Institut, wo's Mitarbeiter mit der Zuteilung von Leichen in entsprechende Gräber nicht mehr ganz so genau nehmen. Was schon mal zu Verwechslungen führt, wenn Kühlschubladen klemmen und es mal wieder schnell gehen muss.
Vergessen wir nicht den hektischen Pfarrer, der Verblichene wie am Fließband unter die Erde bringt. Bei einem Ein-Euro-Job (pro Leiche) muss sich der Mann eben ranhalten. Dass nach der 48. Beerdigung an einem Tag gegen Abend der falsche Mann als Adolf Fussilini unter einer Nudeldecke verschwindet, ist ihm somit kaum anzulasten.

Wahnsinn tobt

Ja, das Leistungsprinzip regiert auch im "Nudelmord": karikiert von Hirsch als Künstler und Nonsens-Autor, der sich von solchen Zwängen längst befreit hat. Während um sie herum der Wahnsinn tobt, lassen sich auch Wickelkraut und Winkelmuss Zeit, um ihren Fall erst auf der letzten Seite aufzuklären. Zwischendurch gibt's noch die Kulturgeschichte der Nudel bis zurück in die prähistorische Zeit, Rezepte und andere ausgekochte Werke um Pasta. Schließlich sammelte Hirsch auch in dieser Hinsicht sieben Jahrzehnte lang Erfahrungen: Als Multitalent, das sich vom jüngsten Verleger des Landes zum ältesten Poetry-Slammer der Republik wandelte und am Sonntag seinen 70. Geburtstag feiert. Zuletzt noch die Grabsteininschrift, die der Nonsens-Krimi-Autor Lesern als letzte Worte des Nudelfabrikanten auftischt: "Ein Leben ohne Nudel ist wie ein Leben ohne Pudel."