Gertrud Glössner-Möschk

Buttenheim — Das Jahr 2016 erweist sich in Deutschland als ein Jahr der Naturkatastrophen. Das Jahr 1816 war ein ebensolches, und es traf unsere Region hart: Eine bis dahin beispiellose Überschwemmung verwüstete vor genau 200 Jahren, am 15. Juni 1816, die Ortschaften Tiefenhöchstadt und Frankendorf am Oberlauf des Deichselbaches. In Tiefenhöchstadt kamen neun Menschen zu Tode, in Frankendorf vier, außerdem ein Mann aus Dreuschendorf und einer aus Ketschendorf.
Kreisheimatpfleger Wolfgang Rössler hat die Geschichte dieser Katastrophe aufgeschrieben und sie im Januar in der Publikation "Die Fränkische Schweiz" veröffentlicht - zu dieser Zeit nicht ahnend, dass sich die Katastrophe von damals im Mai 2016 in ganz ähnlicher Weise an anderen Orten Bayerns wiederholen würde. Rössler nutzte als Hauptquelle das Buch des Bibliothekars und Chronisten Heinrich Jäck, der kurz nach der Sturzflut ein Büchlein mit dem Titel veröffentlichte: "Beschreibung der Verwüstungen, welche der am 15ten Juni 1816 in Tiefenhöchstadt gefallene Wolkenbruch bewirkte".


In ihren Häuser gefangen

Das, was Jäck als "beispielloses Unglück in der vaterländischen Geschichte" bezeichnet, braute sich am Abend des 15. Juni zusammen. Ein schweres Gewitter rückte aus Richtung Forchheim auf das Gebiet der Friesener Warte dem Deichselbach- und dem Zeegenbachtal zu. Weitere Gewitter folgten. Ab 21 Uhr stürzten gewaltige Wasserfluten mit großer Geschwindigkeit und Wucht auf Tiefenhöchstadt nieder. Rössler zitiert Jäck, der anschaulich beschreibt: "Plötzlich ergoß sich aber die Wasserhose in so starken Massen, dass auch der festeste Schläfer erwachen musste. Anfangs schien das Wasser nur so herabzufallen, als wenn man einen Maßkrug ausschütte: Bald aber ward das Prasseln so stark, dass nur das Ausschütten eines Schäffes damit verglichen werden konnte."
Viele konnten ihre Häuser nicht mehr verlassen. Als Rettung blieb ihnen nur der Dachboden, solange das Haus noch Widerstand leistete. Hilfe konnte es angesichts der Gewalt des Wassers und des Erlöschens der Fackeln kaum geben. Tragisch endete ein Rettungsversuch im Haus Nummer 16 über das Dach.
Rössler schreibt in seinem eigenen Aufsatz: "Georg Büttner entglitten zwei Kinder, die in den Fluten untergingen. Clara Weckel, die sich nach ihren Buben umsehen wollte, die von der Frankendorfer Mühle auf dem Heimweg waren, kam mit einem ihrer Kinder um. Insgesamt mussten zwei Männer, zwei Frauen, drei Knaben und zwei Mädchen ihr Leben lassen. Ihre Leichen wurden bei Frankendorf, Gunzendorf und Buttenheim gefunden."
Der Deichselbach war binnen kürzester Zeit von 60 Zentimetern Breite auf über sieben Meter angewachsen und auf sieben bis acht Meter Höhe angeschwollen. Schutt und Geröll krachten zusammen mit Felsblöcken und Baumstämmen den Berg hinunter.
Obwohl das Tal in Frankendorf breiter ist, entfalteten die Fluten auch hier gewaltige Zerstörungskraft. Das Hirtenhaus mitsamt seinen vier Bewohnern wurde hinweggespült. Die Leichen fand man am nächsten Tag in- und außerhalb des Dorfes. Die Mühlen waren stark beschädigt und mit Geröll zugeschüttet. Immerhin gelang es dem Wirt Georg Fleischmann, noch seinen Biervorrat zu retten. In Gunzendorf hingegen schwammen 26 Fässer aus dem stark getroffenen Brauhaus bis nach Altendorf. Zwei Männer ertranken auf ihrem Heimweg von der Rothmühle nach Ketschendorf und Dreuschendorf, weil sie nicht auf die Warnungen gehört hatten.
Schon am Tag nach der Katastrophe kümmerte sich der Landrichter Franz Geiger um die Opfer und ordnete Reparaturen in den verwüsteten Dörfern an. Ein Spendenaufruf in den Zeitungen brachte 18 500 Gulden; Kronprinz Ludwig spendete 3000, die für den Aufbau zweier Häuser in Tiefenhöchstadt und Dreuschendorf verwendet wurden. Außerdem stiftete Heinrich Jäck den Erlös aus seinem Buch.
Das Unglück im Bamberger Land machte weit über die Region hinaus Schlagzeilen. Rössler weiß, dass es sogar in einer Zeitschrift in der Steiermark erwähnt wurde. Eine Gedenktafel, wie man sie 1856 einmal errichten wollte, fehlt aber bis heute.