von unserem Mitarbeiter Stephan Stöckel

Weismain — Liebliche Musik dringt aus dem Frauenturm und legt sich an einem Frühlingsabend wie Balsam auf die Seele der norddeutschen Gäste. Aus dem altehrwürdigen Gemäuer mit seiner geschwungenen Haube, das einst als Befestigungs turm diente und heute zu einem künstlerischen Kleinod geworden ist, schreitet erhaben eine alte Dame. Ihr schneeweißes, langes Haar glänzt in der Abendsonne, ihr wallendes, buntbe maltes Seidengewand zieht die Blicke auf sich. "Was sehe ich? - männliche Wesen! Ihr kommt nur rein gegen Spesen!", reimt die Weismainer Künstlerin Heidi Montag, um es sich dann doch anders zu überlegen.

Drollige Mannsbilder

So kommt es bei der ersten historischen Stadtführung in Weismain am Mittwochabend zu einem unvergesslichen Gag für die 42-köpfige Besuchergruppe aus Heide in Schleswig Hoklstein. Montag, hervorragend verkörpert von Simone Seidel aus Baiersdorf, kehrt ihre feministische Ader nach außen, setzt jedem Mann eine Frauenperücke auf und zieht einigen von ihnen auch noch einen Büstenhalter an. Und die Frauen? Sie jauchzen vor Freude ob ihrer drolligen Mannsbilder.
Über eine schmale Stiege steigen die Norddeutschen in die Kuppel des Turmes. Und sofort brechen sich die Ahs und Ohs der Bewunderung ihren Bann. Die farbenprächtigen Glasbilder der Künstlerin mit ihrem mythologischen Charakter, die zum Nachdenken anregen, ziehen die Blicke der Besucher auf sich.
Was hat die 41 Männer und Frauen aus der Stadt Heide, die mit einer Größe von 4,7 Hektar den größten Marktplatz Deutschlands besitzt, ins schöne Frankenland gelockt? "Wir gehören alle dem Bürgerverein Heide an, der Besichtigungen, Vorträge und Wanderungen durchführt. Zudem verstehen wir uns als Botschafter unserer 21 100 Einwohner zählenden Stadt. Wir haben schon Reisen in die Pfalz und ins Havelland unternommen. In diesem Jahr ist das wunderschöne Frankenland an der Reihe, in dem wir sechs Tage lang bleiben werden", erzählt Klaus-Dieter Sund.

Einst reichste Frau Weismains

Zu verdanken haben die Gäste, die im "Fränkischen Hof" in Baiersdorf Quartier bezogen haben, die kurzweilige und informative Führung der interkommunalen Zusammenarbeit. Männer und Frauen aus Altenkunstadt und Weismain schlüpfen in die Rollen historischer und noch lebender Persönlichkeiten sowie Berufen, die mit Weismain zu tun hatten oder haben: Dagmar Dietz aus Weismain spielt die Helena Neydecker, die einst reichste Frau Weismains, die von 1543 bis 1590 im heutigen Rathaus gewohnt hatte, und begrüßt den Abt Knauer (Franz Besold aus Weismain). Der Erfinder des hundertjährigen Kalenders hat eine Magd mitgebracht, die Besolds Frau Barbara verkörpert. Simone Seidel aus Baiersdorf schlüpft in die Rolle der noch lebenden Künsterlin Heidi Montag, Michael Müller aus Weismain glänzt als Ignaz von Rudhart, der 1837 griechischer Ministerpräsident gewesen war, und Altenkunstadts Zweiter Bürgermeister Georg Deuerling reicht den Gästen als Kerkermeister Wasser und Brot. Katja Jungkunz aus Baiersdorf als Badefrau Katharina entführt die Teilnehmer in das Mittelalter, als Weismain noch zwei öffentliche Badehäuser hatte, und ihr Lebensgefährte Steffen Höfler in die Zeit der Schwedenkriege.
Das Hämmern des Schmiedes, dem Vater Edwin Jungkuntz Leben einhaucht, lockt die Teilnehmer der historischen Stadtführung in die Hölle, dem einstigen Handwerkerviertel Weismains. Die Anwesenheit des Altenkunstadter Bürgermeisters Robert Hümmer und von Sabine Heppner, der Zweiten Bürgermeisterin aus Burgkunstadt, unterstreicht ebenfalls den überörtlichen Charakter der Veranstaltung.
Die Gäste aus dem Norden Deutschlands, die ob der idyllischen Umgebung aus dem Schwärmen gar nicht mehr herauskommen, sind begeistert von der zweieinhalbstündigen Führung.
"Hier wird Geschichte auf lebendige Art und Weise vermittelt. Und das von Personen, die allesamt ehrenamtlich tätig sind. Hut ab vor dieser Meisterleistung", lobt Sund. Auf plattdeutsch verabschiedet sich seine Frau Dörte im Namen der gesamten Reisegruppe von den fränkischen Laiendarstellern: "Wi möht jetzt no Hus - wir möchten jetzt nach Haus." Nach dem erfolgreichen Auftakt sind weitere öffentliche Führungen in Weismain geplant. Ob es auch in Alten- und Burgkunstadt einmal solche Rundgänge geben wird, wollen die Laiendarsteller im internen Kreis entscheiden.