von unserem Mitarbeiter Gerd Fleischmann

Stockheim — An die 400 Jahre prägte das Steinkohlenrevier Stockheim-Neuhaus-Reitsch das Haßlachtal. Mit der Schließung der letzten Grube St. Katharina am 31. März 1968 endete ein bedeutendes Wirtschaftskapitel im Frankenwald. Tausende von Männern fanden in den einst neun Bergwerken Arbeit und Brot.
Es ist dem Vorsitzenden des Fördervereins Bergbaugeschichte Stockheim-Neuhaus, Gregor Förtsch, ein besonderes Anliegen, das Alltagsleben der Knappen zu erkunden. So lud er zu einer Gesprächsrunde mit Anja Hampel (Leitung Nachrichtenredaktion Radio Eins). Von den ehemaligen Bergleuten stellten sich Hans Ludwig, Willi Müller, Michael Bayer, Hartwig Renk, Egbert Friedrich, Heiner Ludwig, Ernst Morand und Albrecht Renk den Fragen der 34-jährigen Moderatorin. So tauchte diese ab in eine fremde Welt, die im Haßlachtal in wenigen Jahren endgültig Geschichte sein wird. Bezeichnungen wie Pfannschippe, Keilhaue, Pickhammer, Hunt, Lutten, Hauer, Steiger, Fahrten oder Firste waren zunächst böhmische Dörfer für Hampel, die von den Kumpels in waschechter Stockheimer Mundart aufgeklärt wurde. Die Gespräche, die einen tiefen Einblick in Alltag und Gefühlswelt der Bergleute gaben, dokumentierte Filmemacher Rainer Steiger aus Neukenroth mit seiner Kamera.
Über die wirtschaftliche Bedeutung des Steinkohlebergbaus im Haßlachtal und im Allgemeinen informierte Ortsheimatpfleger Gerd Fleischmann. "Bergbau, Flößerei und Glasherstellung waren die wichtigsten Säulen der wirtschaftlichen Entwicklung im Landkreis Kronach. Geflößt wurde die Kohle bis nach Frankfurt." Der Heimatkundler erinnerte aber auch an das enorme Gefahrenpotential unter Tage. An die 100 Bergleute verunglückten tödlich.


Ein besonderer Menschenschlag

Die Arbeit prägt den Menschen, vor allem dann, wenn sie mit Gefahren verbunden ist. Das wurde bei der Diskussionsrunde deutlich: Der Bergbau hat einen besonderen Menschenschlag hervorgebracht. Kameradschaft, Traditionspflege, Hilfsbereitschaft und Gottvertrauen bestimmten das Leben der Männer, die tagein, tagaus der Unberechenbarkeit der Natur mit Wassereinbrüchen, Grubenbränden und herabstürzendem Gestein ausgesetzt waren. Die harte und gefahrvolle Arbeit unter Tage, teilweise bei 40 Grad Celsius und in bis zu 300 Metern Tiefe, förderte die Zusammengehörigkeit, so der allgemeine Tenor der Befragten. Und trotzdem: Der Bergmann liebte seinen Beruf.
Bei all der Mühsal und den Gefahren kamen Humor und Späße in der unterirdischen Welt nicht zu kurz. Ein uralter Brauch war beispielsweise der Bergmannsschwur mit verschiedenen Prüfungen, den die Neulinge ablegen mussten. Wenn alles bestanden war, war der neue Bergmann tauglich für Untertag, war aufgenommen in die Schar der Kumpel, waren sie alle voll für ihn da. Natürlich hatten Neulinge Angst, wenn sie erstmals mit dem Förderkorb in die Tiefe rasten. Doch relativ schnell hatte man sich an die unterirdische Welt gewöhnt, so die allgemeine Aussage.
Beeindruckt zeigte sich Anja Hampel von der intensiven Traditionspflege auch viele Jahre nach der Stilllegung: Bergmannsfest, Barbarafeier, bergmännische Weihnacht organisiert von Knappenverein, Bergmannskapelle und Förderverein Bergbaugeschichte sind Beweise der Verbundenheit der ehemaligen Bergleute.