Gertrud Glössner-Möschk

Die Stadt und der Landkreis sind auf ihre prosperierende Wirtschaft stolz. Die Landschaft ist schön, die Umwelt in Ordnung, die Freizeitmöglichkeiten sind vielfältig. Die Einwohnerzahlen wachsen von Jahr zu Jahr. Trotzdem gibt es eine Schattenseite: Bei den krankheitsbedingten Fehltagen am Arbeitsplatz sind Arbeitnehmer in der Region bayernweit "Spitze".
Das konstatiert die DAK in ihrem Gesundheitsreport für das Jahr 2015. Rita Leicht und Matthias Gabeli vom Kundenservice stellten ihn im Klinikum am Bruderwald der Öffentlichkeit und den politischen Vertretern von Stadt und Land, Bürgermeister Wolfgang Metzner und stellvertretendem Landrat Johann Pfister, vor.
Zunächst ein Blick auf die wichtigsten Aussagen des Zahlenwerks. Bamberg liegt mit einem Krankenstand von 4,0 Prozent deutlich über dem Landesdurchschnitt von 3,6 Prozent. Laut DAK waren 2015 an jedem Tag des Jahres von 1000 Arbeitnehmern 40 krankgeschrieben. Schlechter stehen nur Schweinfurt, Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld mit jeweils 4,6 Prozent da, außerdem Bayreuth, Ansbach, Main-Spessart und Coburg mit je 4,2 sowie Ingolstadt mit 4,1. Die geringsten Krankenstände gibt es in Starnberg (2,7 Prozent) und im Landkreis München (2,8).
Die Entwicklung für Bamberg ist nicht neu. Schon in den früheren Jahren gab es in Stadt und Landkreis (ausschlaggebend ist immer der Wohnsitz) mehr Ausfalltage als anderswo in Bayern. Im vergangenen Jahr ist die Zahl parallel zum allgemeinen Bundes- und Landes-Trend weiter angestiegen.
Die häufigsten Ursachen für Fehltage am Arbeitsplatz sind Erkrankungen am Muskel-Skelett-System mit 287 Tagen pro 100 Versicherte, was im Vergleich zu 2014 einen Rückgang von 50 bedeutet. Gleich danach kommen schon die psychischen Erkrankungen: Hier ist die Zahl der Fehltage binnen eines Jahres von 195 auf 263 gewachsen - und auch damit liegt Bamberg weit vorn.


Versuch einer Erklärung

Chefarzt Martin Braun versuchte bei der Pressekonferenz eine Erklärung. Er ist bei der Sozialstiftung Bamberg für die vor drei Jahren eingerichtete Gendermedizin zuständig, die den Unterschieden von Frauen und Männern im Hinblick auf Erkrankungen nachspürt.
Dabei gab er Johann Pfister ein Stück weit Recht, der in der Diskussion vermutet hatte, dass die relativ hohe Zahl an psychiatrischen Fachärzten in Bamberg auch eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Patienten generiere. Braun beobachtet eine größere Sensibilisierung für Depressionen und Angstzustände, gerade bei Frauen im jüngeren und mittleren Alter und mit kleinen Kinder.
Braun denkt dabei auch an Studentinnen, die an der Uni Bamberg mit 62 Prozent die deutliche Mehrheit unter den fast 13 000 Studierenden ausmachen. Frauen gingen heutzutage achtsamer mit sich um und seien auch schneller bereit als früher, bei seelischen Problemen um Hilfe nachzusuchen. Und sie gingen generell häufiger zum Arzt als Männer.
Werner Dippold steuerte seine eigene Erfahrung als Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt bei: Vor allem Alleinerziehende, die auch noch zwei Jobs brauchten, um finanziell über die Runden zu kommen, seien für psychische Krankheiten anfällig. Im Sozial- und Pflegebereich seien Frauen besonders stark belastet und frustriert durch unnötige Dokumentations- und Administrationsarbeiten, die ihnen die Zeit für ihre eigentliche Aufgabe am Menschen nähmen. Diese Beobachtungen korrespondieren im Zahlenwerk der DAK mit einer weiteren Erkenntnis: Frauen sind im Arbeitsleben "kränker" als Männer - mit mehr Krankheitsfällen und mehr Krankheitstagen.
Die psychischen Erkrankungen sind dafür nicht die einzige Erklärung. Eine andere ist, dass die häufigste Krebserkrankung bei Frauen - der Brustkrebs - schon im jüngeren Alter auftritt, während der häufigste Krebs bei Männern - der Prostatakrebs - in der Regel erst im höheren Alter erscheint. Viele Betroffene sind dann schon Rentner und werden von der Statistik der Krankschreibungen nicht mehr erfasst.
Eine eindeutige Antwort auf die Frage ob die Arbeitnehmer in der Region Bamberg wirklich "kränker" sind, ist nicht leicht zu geben. "Gäbe es dafür einen Schlüssel, wäre es auch einfach, die Probleme abzustellen", sagt Matthias Gabeli. Aber natürlich wurde das Zahlenwerk nicht um seiner selbst willen geschaffen: Die DAK geht mit ihren Informationen in die Betriebe, weil die "Unternehmen aus dieser Analyse wichtige Impulse für ihr Gesundheitsmanagement gewinnen können", sagen Rita Leicht und Matthias Gabeli.
Auch im Klinikum am Bruderwald wurden die Ergebnisse mit Interesse aufgenommen. Ein wichtiger Schritt zur Entlastung und zu besserer Gesundheit gerade der Frauen sei die Einrichtung von Kindertagesstätten, hieß es unisono.
Die Bürgermeister Pfister und Metzner sehen die Stadt Bamberg und den Landkreis hier auf einem guten Weg. Gendermediziner Braun berichtete, wie man bei der Sozialstiftung versuche, der zunehmenden Zahl an Frauen in medizinischen Berufen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen.
Hier sei Kreativität notwendig, "damit Probleme erst gar nicht entstehen".