Es war das Jahr 1884, als Vogelfreunde zum letzten Mal ein Wanderfalkenpaar im Coburger Land brüten sahen. Damals hatte der schnelle Jäger seinen Horst auf der Ruine der Burg von Fürth am Berg gebaut. Ende des 19. Jahrhunderts ragten dort die Mauerreste noch über die Bäume hinaus - so wie es der Wanderfalke zu schätzen weiß. Seit dieser Beobachtung galt er in der weiten Region als ausgestorben. Jetzt ist er zurück.
Es war ein sorgfältig gehütetes Geheimnis, dass die Coburger Morizkirche zur Kinderstube für einen jungen Wanderfalken geworden ist. "Unser aktiver Ornithologe Wolfgang Kortner entdeckte ihn als Erster im Frühjahr bei einem Marktbesuch", berichtet Frank Reißenweber, Vorsitzender der Kreisgruppe Coburg im Landesbund für Vogelschutz (LBV).
Bald war den Naturschützern des LBV klar, dass der im wahrsten Sinne seltene Vogel nicht als Einzelgänger in die Vestestadt zurückgekommen war. Es zeigte sich, dass tatsächlich ein Wanderfalkenpaar zu brüten begonnen hatte. Von nun an war es Dieter Bassing vom Hochbauamt der Stadt, der zum Hüter der Wanderfalkenfamilie wurde. Vom Fenster seines Büros aus hatte er die Kinderstube im Blick, konnte immer wieder beeindruckende Fotos schießen. "Er hat sogar ein Video vom Horst gemacht", freut sich Frank Reißenweber. Und er hat den Falken Namen gegeben. Das männliche Tier - Falkner sprechen vom Terzel - heißt Falco, das Weibchen Wanda und für den Jungvogel fiel die Wahl passend zu seinem Geburtsort auf Moriz.


Die Jungen sind ausgeflogen

Inzwischen ist der Jungvogel ausgeflogen und außer Gefahr, zur Beute von Dieben oder von Greifvogelfeinden getötet zu werden. Es gibt also keine Gründe mehr, die Sache geheim zu halten. Beim Sommerfest des LBV wollen die Vogelschützer heute in der Greifvogelstation Neu- und Neershof die sensationelle Nachricht von der Rückkehr des Wanderfalken präsentieren. Was es für Ornithologen bedeutet, dass diese Vogelart sich wieder bei uns heimisch fühlt, wird beim Blick auf die Geschichte der Wanderfalken in Deutschland deutlich. Die Art war in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in Bayern außerhalb der Alpen ausgestorben. Auch in Thüringen war sie vollkommen verschwunden und in Baden Württemberg gab es nur in der Schwäbischen Alb einen kleinen Restbestand.


Neue Ausbreitung

Durch konsequenten Schutz besiedelt die Art jetzt wieder fast ganz Deutschland, Bayern und Thüringen sogar schon länger. "Coburg haben die Wanderfalken heuer als Brutplatz so ziemlich zuletzt wieder entdeckt, wobei hier bei uns mangels Naturfelsen aber auch kein erstklassiges Wanderfalkengebiet von Natur aus existiert. Daher musste sie mit künstlichen Felsen, also dem Morizkirchturm vorlieb nehmen", sagt Frank Reißenweber. Angesichts der immer weiteren Verbreitung der Art, sorgten Vogelschützer schon seit Jahren vor. "Wir haben ja an der Veste und am MHKW schon seit vielen Jahren Wanderfalkenkästen installiert. Die Innenstadt gefiel dem Falken aber offensichtlich besser - vielleicht weil hier die meisten Tauben sind", so Reißenweber.
Interessant fanden die seltenen Falken das Coburger Land schon länger. Seit etwa vier Jahren registrieren die Ornithologen am Goldbergsee auf einem Strommast in einem alten Krähenhorst immer wieder Brutversuche des Wanderfalken, die aber nie erfolgreich verliefen. Heuer war im Frühjahr auch ein Paar länger am Froschgrundsee beobachtet worden, und vor etwa vier Jahren wurde an der ICE-Brücke vor Rödental ein Wanderfalke mit einem Kleinkalibergewehr illegal erschossen, berichtet Reißenweber. Auch dort wurde eine Brutmöglichkeit angebracht. Es gibt also noch weitere Brutmöglichkeiten für die Art - sollten sich weitere Wanderfalkenpaare im Coburger Land niederlassen wollen.


Tierarzt als Vorkämpfer

"Unser langjähriger Zweiter LBV-Vorsitzender während der 80er Jahre, der verstorbene Tierarzt Dr. Günther Trommer, der mit Ulrich Leicht auch die Auffangstation in Neu- und Neershof gegründet hatte, war ja einer der Pioniere im Wanderfalkenschutz in Deutschland", erinnert Frank Reißenweber. Trommer erforschte mit die Ursachen für den dramatischen Rückgang des Wanderfalken, wofür das seinerzeit noch eingesetzte Insektenbekämpfungsmittel DDT mit verantwortlich gemacht wurde. Die Greifvögel nahmen das Gift mit ihren Beutetieren auf. Trommer gelang damals zusammen mit einem Experten aus Hessen die künstliche Befruchtung und Nachzucht des Wanderfalken in Gefangenschaft.
In den 80er Jahren wilderte er viele Jungfalken mit den unterschiedlichsten Methoden im Coburger Land und am Untermain aus. Auch an der Veste Coburg. Aber: Damals wollte es noch nicht klappen. Erst jetzt kommen die Falken auf einmal ganz von selbst. Dennoch waren seine Bemühungen wichtig für den Wanderfalkenschutz in Deutschland und brachten auch viel neues Wissen um diese Vogelart, wie Reißenweber betont. Beobachten konnte man bei uns auch früher schon, vor allem während der Wintermonate, Wanderfalken, die hier durchzogen und teilweise auch überwinterten. Sie kamen nach Einschätzung der Ornithologen aber wohl vorwiegend aus Ost- und Nordeuropa und machten sich im Frühjahr wieder auf und davon.


Ökologische Defizite

Der Wanderfalke konnte übrigens heuer vom Landesamt für Umwelt zusammen mit Uhu, Weiß- und Schwarzstorch aus der neuen Roten Liste der gefährdeten Arten entlassen werden - sehr zur Freude des Naturschutzes in Bayern. Allerdings mussten auf der anderen Seite dafür viele Arten der offenen Kulturlandschaft, wie die Wiesenbrüter oder das Rebhuhn, Hänfling und Feldlerche hochgestuft werden und ehemalige "Allerweltsarten" wie Mehlschwalbe und Mauersegler mussten neu aufgenommen werden. Reißenweber: "Hier zeigt sich, wo bei uns gegenwärtig die größten ökologischen Defizite im Artenschutz liegen."