Vier Wochen lang war rund um das Pfadfinderhaus der Neustadter St. Georgs-Pfadfinder Kinderlachen zu hören. Jetzt wird es dort wieder still. Der Erholungsaufenthalt für 20 Kinder aus der Katastrophenregion von Tschernobyl ist vorüber. Unter Tränen von Kindern und Betreuern haben die Kinder am Donnerstag den Weg zurück in die Ukraine angetreten.
Hinter ihnen liegen vier erlebnisreiche Wochen. Jahr für Jahr sorgt Dieter Wolf mit seinen Freunden von der Tschernobyl Kinderhilfe Neustadt dafür, dass es nie langweilig wird. Zahllose Partner und Unterstützer haben sie dafür gefunden. Reiten auf dem Ponyhof und "Goldwaschen" beim Country-Club, Schwimmbadbesuch, ein Erlebniswochenende in Neuhaus am Rennweg, Singabende und ein Tag, zu dem sie von Truckern auf einem Lkw-Konvoi mitgenommen werden.
Es gab eine Einladung zu Ministerin Melanie Huml nach Wunsiedel und und und. Alles wäre nicht möglich ohne die große Unterstützung, die Dieter Wolf von vielen Seiten erfährt, oft ohne, dass die Spender überhaupt genannt werden wollen.
So fährt das Busunternehmen Thoenissen die Kinder seit 16 Jahren kostenlos zum Freizeitpark nach Geiselwind. Die Milchwerke Oberfranken spendieren Unmengen Käse, die Bäckerei Heimann Brot und Brötchen und die HoWe Wurstfabrik von Ulli Hoeneß aus Nürnberg schickt zentnerweise Nürnberger Bratwürstl. Und auch aus einer Neustadter Fleischerei gibt es Leckeres auf den Grill. Das Mittagesssen kommt seit Jahren von einer Kantine in Coburg, die dafür kein Geld nimmt. "Ohne das alles, könnten wir den Aufenthalt nie finanzieren", steht für Dieter Wolf fest.
Allein die Versicherungen, die der Verein abschließen muss, ehe die Kinder kommen, kosten ein kleines Vermögen. Dann sind da die Reisekosten und der Aufwand für die Bürokratie in der Ukraine. "Heuer sind alle Kinder unter zwölf", sagt Dieter Wolf. Früher waren auch zwölf- und dreizehnjährige Kinder dabei. Doch inzwischen müssen Kinder ab zwölf in Kiew ihre Fingerabdrücke abgeben, ehe sie ausreisen dürfen. "Die Fahrt nach Kiew können sich die Familien nicht leisten", sagt Wolf.
Es wird nicht leichter für den Verein, Jahr für Jahr Tausende Euro für den nächsten Aufenthalt einer Kindergruppe zusammen zu bekommen. "Im August fahren wir wieder in die Ukraine, es ist unsere 40. Reise. Eigentlich wollten wir da schon die Kinder für das kommende Jahr aussuchen, aber diesmal weiß ich noch nicht, ob wir das Geld auftreiben", sagt Wolf.
Er ist auf Spenden angewiesen, natürlich - aber auch Sachspenden helfen dem Verein, der Jahr für Jahr einen großen Teil der zu erwartenden Kosten durch Erlöse aus einer Tombola deckt. Betteln gehen ist angesagt für Dieter Wolf. Sicher ist das oft kein Spaß. Doch er weiß, dass es in Fedorifka und Wisocz und in den kleinen Dörfern um diese Orte in der verstrahlten Region herum noch so viele Kinder gibt, die sich nichts sehnlicher wünschen, als auch einmal dazu zu gehören, wenn eine Gruppe nach Deutschland geholt wird.
Auf die Frage, was die Kinder mitnehmen, fängt Wolf an aufzuzählen. "Sie werden reichlich eingekleidet, jedes Kind bekommt einen Karton voller Schulsachen mit, die dort absolute Mangelware sind ..." Er weiß, dass die Frage anders gemeint war. "Sie nehmen Hoffnung mit, das Bewusstsein, dass es anders sein kann, als sie es von zu Hause kennen, dass es Menschen gibt, die es gut mit ihnen meinen", sagt er dann.
Es gibt immer Skeptiker, die ihm vorhalten, dass es irgendwie zynisch ist, Kindern vier Wochen lang das Paradies zu zeigen, ehe sie in die Hölle zurück geschickt werden. Doch die Erfahrung gibt ihm recht. Er beobachtet seit 16 Jahren, wie sich die Kinder entwickeln, die hier waren. Viele haben heute eigene Kinder. "Die haben alle etwas davon im Kopf behalten, was sie hier gesehen haben, und leben anders, als andere in dem Alter", ist Wolf überzeugt. Aufhören ist für ihn keine Option. Dafür kennt er die Not und den Mangel in der Region um Fedorifka zu genau. Deshalb wird er weiter Spenden sammeln.