von unserem Redaktionsmitglied Ralf Kestel

Ebern-Bramberg — Sie sind noch nicht lange in Deutschland, aber die ersten Eindrücke prägten, wurden förmlich aufgesogen. Sympathie erweckten beispielsweise bayerische Polizeibeamte. Der Beruf des Beamten rangiert ganz weit oben in der Beliebtheitsskala von Mojaba. Er ist einer der sieben Jugendlichen aus Afghanistan und Somalia, die seit Mitte September im einstigen Haus des Jugendrotkreuzes im Eberner Stadtteil leben. Zu Wochenbeginn wurde ihr Umfeld professionell ausstaffiert, mit Möbelspenden eines Haßfurter Einrichtungshauses. Die Jungs legten dabei selbst tüchtig Hand an. Danach hatten zwei nur noch einen Berufswunsch: Sie wollen Schreiner werden.


Mit einem Lächeln auf den Lippen

Obgleich in der Provinz gelandet, fühlen sich die Teenager pudelwohl. Nicht nur wegen des Haushunds. Jeder Besucher wird freundlich mit einem "Hallo" und einem Lächeln begrüßt.
Auch wenn es nach den wenigen Tagen mit der deutschen Sprache noch hapert, ein Ziel wurde schon erreicht, das Professor Gunter Adams, der Leiter der Evangelischen Jugendhilfe Würzburg, als vorrangig ausgegeben hat: Sie fühlen sich - endlich - in Sicherheit. "Damit haben wir eine wichtige Aufgabe schon erreicht. Sie sollen ruhig schlafen und sich nicht mehr gehetzt und verfolgt fühlen." Noch befinden sich die Jugendliche, die ohne Begleitung eines Erwachsenen in München aufgegriffen wurden, in der Clearingphase.
So klar ist dabei längst nicht alles. Zwischen drei Monaten und eineinhalb Jahren sind sie auf der Flucht gewesen. Gelandet in einem völlig fremden Land, in einer ganz anderen neuen Kultur.
Nach Abschluss der medizinischen Untersuchungen lautet daher das Ziel, "die Fähigkeiten und Begabungen der jungen Menschen zu ermitteln und ihnen Sicherheit vor Krieg, Vertreibung und Gewalt zu geben", sagt Frauke Adams.


Eltern auf Flucht verloren

Die Diplom-Psychologin und Tochter von Professor Adams leitet neben der Gemünder Mühle die neue Einrichtung in Bramberg, wo im Oktober noch fünf weitere Schützlingen einziehen werden.
Sie sollen sich an die deutsche Lebensweise gewöhnen, die Regeln der Gemeinschaft lernen, den Alltag bewältigen. "Das geht schon beim Essen los. Sie müssen sich daran gewöhnen, dass mit dem Essen gemeinsam begonnen und aufgehört wird, dass Messer und Gabel benutzt werden und dass alles auf dem Teller bleibt", beschreibt Frauke Adams erste "Gehversuche".
Die Kennenlernphase läuft noch. "Einige sind auf eigene Faust von zu Hhause geflohen oder wurden losgeschickt, von anderen wissen wir, dass sie auf der Flucht zumindest ein Elternteil verloren haben", berichtet die Psychologin.
Sie heißen Azizi, Hamad, Arab oder Nimcam, sind zwischen 15 und 17 Jahre alt. Alles Muslime. Zwei erzählen von Verwandten in Fulda oder München. "Manche haben noch nie eine Schule gesehen, andere eine Schule im Heimatland sieben Jahre lang besucht." Jetzt haben sie alle Unterricht: Jeden Vormittag wird Deutsch gelernt, eine Aufgabe, die Jennifer Precht übernimmt, die schon als Vertrauensfigur akzeptiert wird. "Einer hat mir schon das Bild seiner Mutter gezeigt", sagt sie.
Das Überwinden der Sprachbarriere gilt als vorrangig, zumal sich die Somalis auch mit den Afghanen kaum verständigen können. "Viel geht über das bisschen Englisch, das einige beherrschen, und natürlich die Zeichen- und Körpersprache", hat Prof. Adams beobachtet "Deutsch lernen steht an oberster Stelle", gibt Frauke Adams als Gebot der Stunde aus.
Mittelfristig ist vorgesehen, dass die Jugendlichen eine Schule in Ebern besuchen.


Süß oder scharf

Nach dem gemeinsamen Unterricht am Vormittag folgt vor den Hausaufgaben erst das Mittagessen, das von Mitarbeiterinnen der evangelischen Jugendhilfe zubereitet wird, wobei die Teenager aber tatkräftig mithelfen.
"Die verdrücken Unmengen", staunt Frauke Adams über ihre Jungs - und setzt noch eine Verwunderung drauf: "Es muss entweder sehr süß, oder sehr scharf sein." Entsprechend groß sind die Einkaufsmengen bei Zucker, Pfeffer oder auch Chili.
Einkaufsfahrten gehören auch zum Programm am Nachmittag, verbunden mit Arztbesuchen in Ebern oder Haßfurt. "Die Jungs sind viel draußen im Freien", erzählen Jennifer Precht und Cora Zimmer, die zusammen mit weiteren Helferinnen eine 24-Stunden-Betreuung sicherstellen. "Wir haben vier Mitarbeiter neu eingestellt, zwei weitere folgen, wenn die fünf Neuzugänge kommen", umreißt Professor Adams das Engagement der Würzburger Organisation, die dem Diakonischen Werk angegliedert ist.
Beim Freizeitprogramm steht Sport im Mittelpunkt. Radfahren, was auch erst gelernt werden muss, Tischtennis. "Einige haben schon bei den Fußballern in Pfaffendorf mitgespielt, wohin sie von der Familie Gnannt gefahren werden", freut sich Frauke Adams "Zwei sind Volleyballer und haben in Ebern mittrainiert." Ein Lächeln huscht über das Gesicht von Hamid, als er Volleyball hört. Er liebt diesen Sport.


Kegelturnier auf Schulhof

Und im Dorf "sind wir gut angekommen", stellt Professor Adams fest. Schon am ersten Wochenende seien die Asyl-Waisen vom Haßbergverein zu einer Wanderung zur Ruine Bramberg mitgenommen worden. "Am Sonntag fand bei uns hier im Hof ein Kegelturnier statt. Da machte der gesamte Ort mit", lobt Tochter Frauke. "Und sonntags bekommen wir sogar frische Brötchen."
"Die Leute kommen und bieten ihre Hilfe an", berichtet Frauke Adams, "die Menschen sind sehr nett, engagiert und offen", urteilt sie über die Bramberger, Eberner und Linder.
Eine konkrete Möglichkeit zur weiteren Unterstützung gibt es in Form von Sachspenden: Fahrräder, Gesellschaftsspiele und Spiele für draußen sind hilfreich. Denn einerseits sind die Jugendlichen aus Afghanistan und Somalia viel unterwegs, zeigen einander, wie das Radfahren geht ("Oder besser das Bremsen und dass ein Helm getragen werden muss", so Frau Adams), andererseits unternehmen sie auch im Haus viel gemeinsam. Gesellschaftsspiele stehen hoch im Kurs. Auch Schach. Der Fernseher bleibt meist achtlos in der Ecke.
Das Haus selbst wurde vom städtischen Bauhof auf Vordermann gebracht. Fürs Mobiliar sorgte eine Spende aus Haßfurt, als drei XXXLutz-Laster anrollten. Jennifer Precht hatte über ihren dort beschäftigen Vater angeklopft und beim Hausleiter Thomas Full offene Türen eingerannt. Sitzgruppen, Garderoben, Teppiche und Haushaltswaren suchte Frauke Adams für ihre Schützlinge.
Beim Aufbau packten sie helfend mit an. "Sie möchten etwas tun, suchen sich Beschäftigung und arbeiten an der Umsetzung ihrer Träume", haben ihre Betreuerinnen schon festgestellt.