von unserem Mitarbeiter Franz Galster

Obertrubach — Die Bevölkerung sachlich informieren sowie Gerüchten und Ängsten vorbeugen - dieses Ziel hatte sich der Obertrubacher Bürgermeister Markus Grüner (CSU) für eine große Aussprache im Gasthof "Alte Post" gesetzt.
Der konkrete Anlass für die Veranstaltung war die geplante Unterbringung von Asylbewerbern ab Mitte Juni im ehemaligen Café "Hotel Grüner". Eingeladen war die gesamte Bevölkerung. Im bis auf den letzten Platz besetzten Saal standen neben Grüner der neue Eigentümer des Hotels, Stefan Schick, sowie Frithjof Dier als zuständiger Bereichsleiter im Landratsamt Forchheim Rede und Antwort.

Platz für 60 Betten

Bis 450 000 Flüchtlinge - das entspräche einer Verdoppelung gegenüber 2014 - erwartet das Bundesamt für Migration für dieses Jahr.
Der Landkreis Forchheim muss laut Dier zehn Prozent der Oberfranken zugeteilten Asylbewerber aufnehmen. Das entspricht 15 Flüchtlinge pro Woche. In 23 dezentralen Standorten im Landkreis werden derzeit 380 Flüchtlinge untergebracht.
Der Gemeinde Obertrubach werden ab Mitte Juni in 14-tätigen Schritten jeweils 15 Asylanten zugeteilt. Zunächst kommen zwei bis drei Familien. Das Hotel hat eine Kapazität von etwa 60 Betten. Dessen Besitzer Stefan Schick stellte sich der Versammlung kurz vor. Zwei kleine Häuser in Ebermannstadt hat er bereits für Asylbewerber vermietet. "Sie haben sich schnell in Schule und Sportvereinen integriert", sagte Schick in diesem Zusammenhang.
Das Hotel in Obertrubach ist seiner Ansicht nach die wohl beste Unterkunft im Landkreis für die Flüchtlinge. Die Unterkünfte sind komplett eingerichtet. Beim Kochen müssten sich die Bewohner mit einem Zeitplan abstimmen, was aber andernorts gut funktioniere. Im Haus befinden sich zudem vier Waschmaschinen.

Bis zu zwei Jahre lang

Ein Zuhörer wollte wissen, ob die Gemeinde verpflichtet sei, Flüchtlinge aufzunehmen. Außerdem habe der Unternehmer Schick das Hotel gekauft und mache nun mit Asylbewerbern sein Geld. Dier antwortete mit dem Hinweis, dass der Unternehmer "erhebliche Pflichten" habe. Wie lange die Asylbewerber bleiben, wollte ein anderer Teilnehmer der Veranstaltung wissen. Das sei, so Dier, von Fall zu Fall verschieden, könne aber bis zu zwei Jahren dauern. Arbeiten im privatwirtschaftlichen Bereich dürfen Asylbewerber nicht. Im öffentlichen Bereich - eine Möglichkeit wäre Pflegearbeiten der Gemeinde - wäre dies möglich und auch erwünscht. Dabei steht dem Asylbewerber ein Entgelt von 1,05 Euro pro Stunde.

Auf Hartz-IV-Niveau

Ein Raunen ging durch die Reihen, als es um das Thema "Haftung" ging. Asylbewerber haben keine Haftpflichtversicherung. Im Zweifelsfall bleibt der Geschädigte damit auf den Kosten sitzen. Hier würde man sich eine Pauschaldeckung durch den Staat wünschen. Die Anregung, Stefan Schick solle so eine Versicherung abschließen, lehnt der Unternehmer ab. Das sei technisch nicht möglich.
Medizinische Hilfe sichert der Staat ab, Unfallkosten aber nicht. Mit einer Zahlung auf Hartz-IV-Niveau von monatlich 329 Euro sind die Neuankömmlinge in ihrer Versorgung einigermaßen unabhängig. Die Mitgliedschaften in Vereinen bezahlt das Landratsamt.
Ein Zuhörer regt Ehrenamtskarten für Vereine an, die als Anerkennung ihres Engagements für Asylbewerber verteilt werden könnten. Das will Dier prüfen. "Schauen wir durch das Fenster der Humanität, dann sind wir Menschen alle gleich", appelliert an diesem Abend Jörg Hahn vom Flüchtlingsnetzwerk Ebermannstadt an das Verständnis der Anwesenden. "Eigentlich ist jeder von uns ein Flüchtling. 400 Menschen kamen vor 120 000 Jahren aus Afrika nach Asien und dann nach Europa", sagte Hahn.
Auf Verständnis und Wohlwollen traf dieser Vergleich nicht bei allen Zuhörern. "Das kann man ja nicht hören", so einige aufgebracht. Claudia Hahn fühlte sich um ein Jahr zurückversetzt. Da sei die Situation in Ebermannstadt vergleichbar gewesen. Heute gebe es dort eine große Hilfsbereitschaft, einen Sozialladen für Flüchtlinge und sonstige Hilfsbedürftige und rund 40 ehrenamtliche Helfer.

Unternehmerische Entscheidung

Ein Zuhörer fragte nach der Relation der Zahlen. Demnach hat Ebermannstadt rund 6000 Einwohner und 100 Asylbewerber, Obertrubach aber weniger als 600 Einwohner und künftig 65 Flüchtlinge. Die Zahlen erklären sich aber nicht zuletzt durch die vorhandenen Kapazitäten von Schicks Hotel. "Das Engagement von Stefan Schick ist eine unternehmerische Entscheidung, die jeder der Anwesenden auch hätte treffen können", sagte Claudia Hahn. "Warum kauft nicht die Gemeinde eine derartige Unterkunft und macht dann selbst das Geschäft?", wollte einer wissen. Dier machte in diesem Zusammenhang klar, dass die öffentliche Hand nicht privatwirtschaftlich tätig werden darf.

Grüner appelliert an die Fantasie

"Wenn es Probleme gibt, dann lösen wir die", ermuntert der Bürgermeister seine Bürger zu Offenheit und Zuversicht.
"Integration geht über Sprache. Wie soll das gehen?", fragte ein Zuhörer. Viele sprechen gut Englisch, antwortet Schick, damit gebe es immer einen Dolmetscher. "Unsere Fantasie ist gefragt, da böte sich auch das Bildungshaus in Obertrubach an", regte Grüner an. Er hoffe auf freiwillige Helfer.
Grüner wünscht sich eine Willkommenskultur in seiner Gemeinde "Wovor habt ihr Angst? Ich werde oft im Ausland freundlich empfangen. Wie ich in den Wald hineinrufe, kommt es heraus", rief Andreas Mohrmann, der seit zwei Jahren in Obertrubach lebt, unter Beifall in die Runde.
Der lange Abend in Obertrubach war voller Emotionen, positiven wie negativen. Trotzdem überwog das Bemühen der Obertrubacher, sich mit dem Zuzug der Asylbewerber sachlich auseinanderzusetzen.