von unserem Mitarbeiter Markus Häggberg

Lichtenfels/Bad Staffelstein — Dreier Prozesstage bedurfte es gar, bis am Donnerstag auf dem Amtsgericht letztlich ein Urteil fallen konnte. Ein 34-jähriger Nordafrikaner wurde von Richter Stefan Hoffmann der gefährlichen Körperverletzung für schuldig befunden, begangen mittels einer Bierflasche an einem 27-jährigen Osteuropäer. Ein Fall von schwieriger Beweiswürdigung und Einblicken in das Klima eines Staffelsteiner Industriebetriebs.
Schon zweimal kam der Fall vor Richter Hoffmann, zweimal erfuhr er Fortsetzungen. Nun aber, mit einem Dolmetscher für die französische Sprache, war es auch dem Angeklagten gegeben, dem Prozess würdig zu folgen. Am 26. Februar dieses Jahres musste er von einem Betriebsleiter von seinem Opfer getrennt werden. Die beiden Männer hätten sich ineinander verkeilt. Wer aber Opfer und wer Täter war, blieb der Würdigung des Gerichts überlassen. Immerhin gab auch das Opfer kein gutes Bild ab. "Er hat ihn immer beleidigt, hat ihn Al Kaida und Islamist genannt", so ein für den Angeklagten aussagender Zeuge. Der war sich seiner Angaben auch sehr sicher, habe er doch an dem Tag des Eklats neben dem 34-Jährigen gearbeitet.


"Hure" ein gängiger Kommentar

In einem vorherigen Prozess schilderte der Beschuldigte, dass ihm oft mit einem Wort begegnet worden sei, welches in der Landessprache des Opfers Hure beziehungsweise Schlampe bedeutet. Dieses Wort aber, so eine Einsicht während des Verfahrens, sei in dieser osteuropäischen Sprache ein gängiger Kommentar zu allem und jedem, bevorzugt aber zu Schwierigkeiten. Der Mann aus Nordafrika schien aber zu meinen, dass damit seine Mutter wirklich und tatsächlich gemeint gewesen sei. Das nahm er persönlich.
Überhaupt scheint der Umgangston in dem Betrieb nicht direkt gesittet zu sein, was am Druck der Akkordarbeit liegen mag. Dort, wo der Streit seinen Anfang nahm, gibt es zwei Förderbänder und mitunter landen, irrtümlich oder als Ausdruck von Neckerei, die falschen Textilien auf einem Förderband. Das kann für Unfrieden sorgen und in dem Fall tat es das wohl auch.
In einer Arbeitspause hätten die beiden Männer ihren Streit wohl vor der Tür ausgetragen. Dabei schlug der Angeklagte dem Osteuropäer mit einer Bierflasche auf den Kopf: Gehirnerschütterung, Schnittwunde, Krankenhaus. Auf jeden Fall ein äußerst gefährlicher Vorgang, zu dem es mehrere Aussagen gab. "In Notwehr", so der Angeklagte, habe er gehandelt. Was Staatsanwalt Michael Koch verwunderte, war, dass es dem Nordafrikaner gelungen sein soll, während des Vorfalls die Flasche in der Hand so zu drehen, dass er den Flaschenhals zu fassen bekam. Nach Affekt, so Kochs Argument gegen überraschend einsetzende Notwehr, sehe so etwas nicht aus. Ansonsten zeigte sich auch Koch befremdet über den Umgangston in Firma, der "rüde" sei und von "Flüchen im Umgangston" zeuge.
Der Anwalt des 34-Jährigen, Stefan Kuhn, hob in seinem Plädoyer hervor, dass die Glaubwürdigkeit des Belastungszeugen und Opfers erschüttert worden sei. Einfach darum, weil ein Zeuge auftrat, von dem das Opfer einst behauptete, es habe sich mit diesem die Schicht geteilt. Doch der Mann gab an, zu einem völlig anderen Zeitpunkt gearbeitet zu haben. Mit Spannung wurde das Urteil erwartet. Auf dem Gang vor dem Saal 14 war unter Prozessbesuchern sogar von Freispruch die Rede. Der sollte nicht kommen. Hoffmann befand trotz "schwieriger Beweiswürdigung", dass von Notwehr keine Rede sein könne, die Reaktion des Beleidigten also überzogen gewesen sei. "Nur Glück", so Hoffmann, habe Schlimmeres verhindert, denn ein Schlag mit einer Flasche könne "tödlich enden". Der bislang unbescholtene Nordafrikaner kam um eine Haftstrafe umhin, wird aber 3600 Euro Geldstrafe zu zahlen haben.