von unserem Redaktionsmitglied Ramona Popp

Kreis Lichtenfels — Es war ein Lichtblick, was Kreisentwickler Andreas Grosch im Juni dieses Jahres feststellte: Die negative Prognose zur demografischen Entwicklung, die vor vier Jahren gestellt wurde, hat sich nicht bewahrheitet. Um 3400 Einwohner nach oben korrigiert wurde nämlich der im Jahr 2028 erwartete Bevölkerungsstand des Landkreises. Dann, in 14 Jahren also, werde dieser 63 000 Einwohner zählen. Landrat Christian Meißner sah darin eine "Mut machende Entwicklung".
Ausblutende Dörfer, verlassene Landstriche - das sind Horrorszenarien im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung. In manchen Teilen Deutschlands sind schon heute die Vorboten dazu sichtbar.
Im Landkreis Lichtenfels wurde das Thema frühzeitig zur Chefsache erklärt. Schon 2003 erklärte der damalige Landrat Reinhard Leutner, an der Einrichtung eines Regionalmanagements komme man nicht vorbei und sah alle gefordert, die Prognosen nicht einfach hinzunehmen. Der Landkreis müsse reagieren und brauche eine zukunftsfähige Strategie. Bei dem 2010 einberufenen "Forum Zukunft" sah Professor Bernhard Köppen, der als Demografieforscher referierte, vor allem die Kommunen gefordert, denen er Probleme mit Wohnungsleerständen ab 2025 vorhersagte. Nur vor Ort könnten Lösungen gefunden werden.

Sorge um Schulstandorte

Betroffen von den sinkenden Kinderzahlen waren zuerst die Schulen. Sie reagierten darauf mit der Gründung von Schulverbünden zum Schuljahr 2011/12, um möglichst viele Schulstandorte zu erhalten. Die zeitgleich entstandenen Mittelschulen sollten den Bildungsweg Hauptschule bis zur mittleren Reife attraktiver machen. Prognosen bleiben für Schulamtsdirektor Norbert Hauck dennoch schwierig, hängt die Klassenbildung doch weiterhin davon ab, welche Schullaufbahn Eltern für ihre Kinder bevorzugen. Tatsache ist, dass in drei Jahren an den Mittelschulen ein Schwund um 80 Schüler zu beklagen war und sich einige Kreisräte Sorgen über den Bestand gewisser Standorte machen. Mehr als eine Fünfjahresprognose wagt Schulamtsdirektor Hauck nicht. In diesem Zeitfenster sieht er zumindest die Grundschulstandorte als gesichert an. Eine Möglichkeit, dort auf niedrige Schülerzahlen zu reagieren, sind die Kombi klassen sowie die flexible Eingangsstufe. Ein Schulleiter für zwei Schulen - auch das gibt es schon zweimal im Landkreis.
Eine schmerzhafte Erfahrung ist es für alle Kommunen, dass es junge Leute nach ihrem Schulabschluss sehr häufig zu Ausbildung oder Studium fortzieht. Wenn sie dann erst einmal anderswo eine Arbeitsstelle und ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben, wird es schwierig, sie zurückzugewinnen. Hier setzt der Facebook-Auftritt myLIF des Landkreises an. Über das soziale Netzwerk möchte man mit den jungen Leuten in Verbindung bleiben, ihnen Informationen über ihre Heimat zukommen lassen, so dass ihnen eine Rückkehr als interessante Option erscheinen möge. Dieser Kontakt muss gepflegt werden - eine Aufgabe, die die Presseabteilung mitübernommen hat. Auch in die Willkommenskultur hat der Landkreis investiert und mit finanzieller Unterstützung aus EU-Mitteln für alle elf Kommunen Image-Filme drehen lassen, die über You Tube abrufbar sind. Ein Schwerpunkt der Arbeit des am Landratsamt eingesetzten Zukunftscoaches ist die Förderung und Integration von Nachwuchskräften aus dem Ausland für heimische Unternehmen. Über die Homepage bzw. das Geoportal des Landkreises können diese zudem Stellen anbieten. Trotz aller Bemühungen verlor der Landkreis im Vorjahr 133 mehr Menschen durch Wegzug, als neue hier ihren Wohnsitz wählten.

Einflussnahme ist begrenzt

Es sind die weichen Standortfaktoren wie Kulturangebot, Schulen und Freizeitmöglichkeiten, die man von kommunaler Seite beeinflussen kann und die für Fachkräfte ein Kriterium sein können, sich an einem bestimmten Ort niederzulassen. Eine gute Verkehrsanbindung und günstige Mieten oder Bauplätze können die Entscheidung zugunsten einer Gemeinde als Wohnort lenken, auch wenn man dann zum Arbeitsplatz pendeln muss. Diese Aspekte spiegeln sich in dem Engagement des Landkreises wider. Welche letztlich erfolgreich sind, ist schwierig zu ermessen. "Fünfzig Prozent bei der Werbung sind immer rausgeworfen. Man weiß aber nicht, welche Hälfte das ist", sagt Pressesprecher Andreas Grosch mit einem Zitat von Henry Ford.
Grosch hat seit Beginn seiner Tätigkeit am Landratsamt mit dem Thema Bevölkerungsentwicklung zu tun. Er gibt Einblicke in die Zahlen, warnt aber auch davor, Statistiken überzubewerten. "Sie zeigen Tendenzen auf, nicht mehr." Wichtig ist es, auch die Hintergründe zu den Zahlen zu kennen. Wenn beispielsweise die Stadt Weismain als einzige Kommune seit 2005 an Einwohnern gewonnen hat, dann liegt das nicht an deren besonderer Werbestrategie, sondern am dortigen Asylbewerberheim. Umgekehrt musste Marktzeuln seither mit minus 12,5 Prozent außerordentliche Verluste hinnehmen. Die Auflassung des dortigen Heimes für Spätaussiedler fällt in diesen Zeitraum. Die zeitweise über 100 Bewohner wirken sich in der prozentualen Betrachtung bei einem Ort mit rund 1500 Einwohnern entsprechend heftig aus. Weniger offensichtliche Ursachen zu ergründen, ist schwierig. Die Ausweisung von Bauland erscheint vielen als wichtiges Instrument, um für junge Familien attraktiv zu sein. Die Kommunen laden sich damit aber erhebliche Folgekosten für den Erhalt der Infrastruktur in diesen Neubaugebieten auf - während die Leerstände in vielen Orten zunehmen.

Rathaus als Vermittlungsstelle

Thomas Kneipp (CSU) kann als Bürgermeister von Hochstadt, einer der kleinsten Gemeinden des Landkreises, momentan darüber noch nicht klagen. Nicht nur die 35 Grundstücke in den beiden zuletzt erschlossenen Baugebieten sind fast alle verkauft, es gibt auch Interessenten für bestehende Immobilien. "Wir haben kaum Leerstände." Manchmal werde das Rathaus zur Vermittlungsstelle. Das sei wohl ein Vorteil eines hauptamtlichen Bürgermeisters in einer kleinen Gemeinde, meint er. Das Thema Bevölkerungsentwicklung sei ihm sehr wichtig. Wie zum Beweis nennt er ohne zu zögern den Einwohnerstand auf die Zahl genau, und weiß, dass es heuer mehr Geburten als Todesfälle gab. Günstige Miet- und Baulandpreise, ein Arzt und ein Lebensmittelgeschäft und nur wenige Minuten bis zur Autobahn - damit kann Hochstadt seiner Meinung nach punkten. Für die Kleinsten setzt die Gemeinde als Träger des Kindergartens mehr Betreuerinnen ein, als es der offizielle Personalschlüssel verlangt. Das kommt bei Eltern gut an. Doch auch die Bedürfnisse der immer mehr älteren Bewohner will der Bürgermeister nicht aus den Augen verlieren.