katharina müller-sanke

Kindergarten ist für viele Kinder das erste Mal, dass sie außerhalb ihrer Kernfamilie betreut werden. Da soll es ein familiäres Umfeld sein, eines, das dem Zuhause ähnlich ist, in dem Geschwisterkinder gemeinsam am Tisch sitzen und in dem die Eltern auch gerne mithelfen. Der Kindergarten "Lummerland" ist so ein Platz.
Gerade wurde im Kindergarten "Lummerland" in Kulmbach gefrühstückt, jetzt geht es zum gemeinsamen Morgenkreis. Eigentlich wie in jedem anderen Kindergarten auch. Aber ein bisschen anders ist das "Lummerland" dann eben doch. Denn hier gibt es keine große Einrichtung, die für die Kinder sorgt, sondern eine Elterninitiative und eine kleine überschaubare Gruppe Kinder. Was das bedeutet, wird schnell klar.
Beim gemeinsamen Frühstück hilft Julia Schineis heute mit. Die 30-Jährige hat ein Kind in der Einrichtung, ihre zweite Tochter Luise geht zwar noch nicht in den Kindergarten, ist aber wie selbstverständlich mit dabei. "Wir Eltern sind hier intensiv mit eingebunden. Wir übernehmen Essensdienste, helfen im täglichen Kindergartenbetrieb, wir packen mit an, wenn es was zu reparieren gibt und so weiter." Im Flur hängt eine Liste, welche Eltern wann mit Waschen dran sind.
Die Eltern sind nicht Kunden des Kindergartens: Sie sind die Träger. Sie treffen die Entscheidungen, sie stellen Personal ein, entscheiden, wer das Mittagessen liefert und wofür das erwirtschaftete Geld ausgegeben wird. Was junge Eltern vor 20 Jahren bei der Gründung des Kindergartens aus Überzeugung, aber teilweise auch aus der Not heraus geschaffen haben, hat die Jahrzehnte überdauert und erfreut sich heute noch großer Beliebtheit.


Ohne Großeltern aufgeschmissen

Vera Witzgall-Hofmann ist eine der Mütter, die damals vor 20 Jahren das "Lummerland" mit ins Leben gerufen haben. "Wir sind damals aus Frankfurt hergezogen, meine Töchter waren zweieinhalb und sechs Jahre alt. Kindergartenplätze waren Mangelware", erinnert sie sich. Die meisten Kinder haben damals erst mit vier Jahren einen Kindergartenplatz bekommen. Dass schon Zweijährige oder gar Krippenkinder in eine Einrichtung gehen, damit Mama wieder arbeiten oder einfach ein bisschen Freiraum genießen kann - damals war das undenkbar. Einspringen mussten Großeltern und Freunde - wer das nicht hatte, der hat eben Pech gehabt.
60 Kindergartenplätze haben im Gründungsjahr allein in Kulmbach gefehlt. Die Gründer des "Lummerlands" beschlossen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ein Vorbild in Kulmbach hatten sie schon: Die "Heinzelmännchen" - ein Kindergarten mit gleichem Modell - hatten sich ein Jahr zuvor gegründet. Der Freistaat Bayern hat die Elterninitiativen im Rahmen des Programms "Netz für Kinder" unterstützt und unterstützt das Projekt auch heute noch. Der Vorteil für den Staat liegt auf der Hand: Die weiteren Kindergartenplätze konnten damals schnell und unkompliziert geschaffen werden. Und: Sollten einmal weniger Plätze benötigt werden, brauchen keine großen Kindergärten geschlossen werden.
Selbstverständlich steht der Verein genau wie jeder andere Kindergarten unter staatlicher Aufsicht. Doch wie die staatlichen Ziele erreicht werden, das bleibt den Eltern überlassen. Und da mussten alle von Anfang an mit ran. "Wir haben hier verputzt, gestrichen, eingerichtet und sauber gemacht", erinnert sich Vera Witzgall-Hofmann an die Zeit vor der Eröffnung. Auch die Frage des pädagogischen Konzeptes musste geklärt werden. Zum Glück hat die Initiative Kathrin Schmidt-Kuban gefunden. Sie ist der Einrichtung vom ersten Tag an bis heute treu und damit die Konstante im Kindergartenalltag. Die "Chefs" - also die Eltern - wechseln schließlich häufiger.
Sie und die Eltern sind überzeugt: Ihr Konzept ist einfach ideal. Neue Ideen können schnell und unbürokratisch umgesetzt werden, die Wege sind kurz. Joga, tanzen oder Englisch lernen - was die Eltern wollen, wird auch angeboten.


Die nächste Generation

Dass auch die Kinder ihren Kindergarten lieben, zeigt sich nicht nur an den Kleinen, die natürlich nur lobende Worte finden, sondern auch an ehemaligen Kindern. Die Tochter Vera Witzgall-Hofmanns, die damals zu den ersten Kindern in der Einrichtung zählte, hat ihre eigene Tochter auch schon angemeldet.