von unserer Mitarbeiterin Steffi Karl

Gauerstadt — Die Erinnerung lässt Elisabeth Herbst nicht los: "Wir haben die Tiere gesehen, die mit Flammen am Körper aus dem Stall gesprungen sind und die eine alte Frau, die geschrien hat und keiner konnte sie mehr retten, weil alles eingestürzt ist - sie lag im Bett, weil sie das Bein gebrochen hatte und die Enkelin stand draußen und hat geschrien und konnte nicht helfen." Als die US-Streitkräfte am 10. April 1945 Bad Rodach und seine Ortsteile angreifen, ist Elisabeth Herbst noch ein Kind. Gemeinsam mit ihrer Mutter und dem kleinen Bruder sitzt sie in Roßfeld in einem großen Kartoffelkeller, "einfach eine Decke, und da haben wir drauf geschlafen". Auch 70 Jahre später lässt sie die Erinnerung an diesen so schicksalhaften Tag in der Geschichte der Stadt nicht los. "Die Schreie habe ich noch jahrelang gehört. Wenn im Fernsehen so etwas gezeigt wird, muss ich umschalten. Immer wenn später die Feuerwehrsirenen gegangen sind, hab ich Gänsehaut bekommen. Das hat mich an den Fliegeralarm erinnert."
An diesem 70. Jahrestag des Angriffs der alliierten Streitmächte auf das beschauliche Städtchen erinnerte am Freitagabend erstmals eine Friedensandacht in der Gauerstadter Marienkirche. "Wir brauchen ein Zeichen der Ermahnung, zum unablässigen Erhalt des Friedens", so Pfarrerin Johanna Sonntag.

Die weiße Fahne war weg

Die Anregung zu der Andacht sei aus der Gemeinde gekommen, ganz kurzfristig habe der Kirchenvorstand die Idee dann aufgenommen. "Es ist eine gute Chance, das Gedenken beizubehalten - das Gedenken gegen das Vergessen", sagt die Pfarrerin. Gauerstadt wurde beim Einmarsch der Amerikaner stark in Mitleidenschaft gezogen, über die Hälfte der Gehöfte brannte bis auf die Grundmauern nieder. Tiefflieger schossen mit Brandmunition. Die weiße Fahne, die in den frühen Morgenstunden zunächst auf dem Kirchturm gehisst worden war - sie war um diese Zeit schon wieder eingeholt worden.
70 Jahre später weht eine weiße Fahne in der Größe eines Bettlakens am Fahnenmast vor der Marienkirche, den ganzen Tag über, keiner holt sie diesmal ein. "Der Krieg wütet blind, er macht keinen Unterschied zwischen den Guten und den Bösen", sagt Johanna Sonntag und fragt zugleich: "Was geht in einem Piloten vor, der schweres Geschütz auf ein Dorf abwirft? Wie abgestumpft und willenlos macht der Krieg? Und heilt die Zeit tatsächlich alle Wunden?"
Denjenigen, die den 10. April 1945 selbst miterlebt haben, fällt die Erinnerung daran nicht immer leicht. "So etwas möchte man nie mehr erleben müssen, jedes Jahr am 10. April denke ich daran", sagt die Gauerstadterin Edith Büttner. "Es hat rechts von unserem Haus gebrannt, es hat links gebrannt und direkt davor - aber unser Haus ist zum Glück stehen geblieben", erinnert sie sich. Vom Waldrand aus hat sie als Achtjährige den Angriff beobachtet und das Dorf brennen sehen. Geistesgegenwärtig hatte die Großmutter vor der Flucht noch die Stalltüren geöffnet und die Kühe herausgetrieben; bei einem Nachbarn, der alles verriegelt hatte, sind alle Tiere in den Flammen umgekommen. Die Phosphorgranaten der Amerikaner verursachten zahlreiche Brandherde, ganze Viertel standen in Flammen. Gelöscht wurde behelfsmäßig, "...mit Eimern, soweit es eben ging - die Männer waren ja nicht da, sie waren ja alle im Krieg", erinnert sich die Zeitzeugin. Das Ausmaß der Zerstörung war immens: "Wir konnten von unserem Haus am Rand von Gauerstadt bis hinüber zur Kirchturmuhr schauen."
Auch Hartmut Ehrlicher hat den Angriff auf Gauerstadt als Kind miterlebt, er musste mit dem Leiterwagen Schinken, Wurstbüchsen und Bettwäsche zum Wald fahren und vor den anrückenden Amis in Sicherheit bringen. Kurz vor dem Ziel scheut sein Pferd - im Wald liegen SS-Truppen. Die Wurstbüchsen nehmen sie dem Achjährigen kurzerhand ab. Als dann die Jagdbomber kommen und mit Phosphor schießen, sitzt er gut versteckt im Keller seines Elternhauses. "Die Amerikaner sind so tief geflogen, sie haben fast die Schornsteine mitgenommen", erzählt der Gauerstadter. Es sind schreckliche Eindrücke, die über Jahrzehnte haften bleiben: "Wir haben nur ein paar Kühe aus dem Stall treiben können, die anderen waren zu verängstigt. Später sind dann schreiende Schweine durch das gesamte Dorf gerannt, sie waren teilweise verbrannt und angekohlt." Als nur noch Rauchsäulen über Gauerstadt stehen, beginnen vorsichtige Aufräumarbeiten. Die verendeten Tiere werden auf eine Art Rutsche geschafft und außerhalb des Ortes begraben. Auch die Kinder packen mit an, es gibt viel zu tun: "Jeden Tag vor und nach der Schule haben wir in den Ruinen Backsteine abgeklopft, damit das Dorf wieder aufgebaut werden konnte."

Soldat vergießt Tränen

Die amerikanischen Besatzer durchsuchen derweil die Häuser. Edith Büttner erinnert sich: "Als der amerikanische Soldat in unser Zimmer kam und uns Kinder gesehen hat, hat er plötzlich angefangen zu weinen. Bestimmt hat er an seine eigene Familie, an seine eigenen Kinder denken müssen."

Fortsetzung geplant

Die Gauerstadter Gemeinde jedenfalls plant die Friedensandacht auch für die kommenden Jahre fest ein. Denn auch wenn die Zeit vielleicht doch nicht alle Wunden zu heilen vermag, glaubt Johanna Sonntag ganz fest an das Eine: "Die Hoffnung in eine neue Zukunft braucht die Verarbeitung der Vergangenheit." Das will sie mit ihrer Gemeinde tun - verarbeiten.