von unserem Redaktionsmitglied 
Andreas Lösch

Ebern — Woran es wohl gelegen haben mag, dass Jan ein bisschen durcheinander kam? Der 19-jährige Abiturient beantwortete gestern die Fragen seines Chemie-Lehrers. Das Kolloquium, der mündliche Teil der Abiturprüfung, war für ihn "eigentlich ok", wie er dem Fränkischen Tag gestern erklärte.
Eigentlich? "Ein bisschen chaotisch war die Fragestellung", sagt er. Zu dem ein oder anderen Thema habe er "ein paar andere Gedankengänge" gehabt, musste dann aber spontan umdenken, weil die Prüfung eine andere Richtung bekam. Grund für das Durcheinander war wohl auch die Aufregung vor der letzten Prüfung an seiner Schule, dem Friedrich-Rückert-Gymnasium in Ebern. Über 70 Schüler haben sich hier in den vergangenen Wochen den Abiturprüfungen gestellt. Aber ein schlechtes Gefühl hat Jan wegen des halbstündigen Kolloquiums nicht. "Ich sag's mal so: Ich bin nicht hundertprozentig zufrieden, aber es hätte auch wesentlich schlechter laufen können."

Physik: Die meisten lassen das

Als Annika von ihrer mündlichen Prüfung erzählt und "relativistische Massenzunahme" im Zusammenhang mit ihrem Thema "magnetisches Feld" erwähnt, grinst Jan zufrieden, so als sei er froh, dass er Physik nicht als Prüfungsfach ausgewählt hat. Auf die Idee kam außer der 18-jährigen Annika auch sonst niemand: Als Einzige hatte sie das Fach als Kolloquium auf dem Programm. Sie fand es ganz angenehm, sich in die Materie einzuarbeiten, wie sie erklärt. Beruflich habe sie sich zwar noch nicht festgelegt, aber "irgendwas Naturwissenschaftliches" könnte es durchaus werden. Darüber macht sie sich jedoch heute nicht mehr allzu viele Gedanken: Mit den anderen Abiturienten wird heute erstmal gefeiert, dass der Prüfungsstress nach drei schriftlichen und zwei mündlichen Prüfungen endlich vorbei ist.
Ach ja, da wäre ja noch die relativistische Massenzunahme. Bedeutet: Wenn jemand mit Lichtgeschwindigkeit Kuchen verdrückt, wird er schneller dick als andere. Womöglich wäre der Fränkische Tag im Kolloquium durchgefallen. Neuer Versuch: Um einen Körper zu beschleunigen, ist ein gewisser Kraftaufwand notwendig. Je höher die Geschwindigkeit des Körpers bereits ist, umso mehr Kraft ist notwendig, um ihn weiter zu beschleunigen. Der Effekt wird irgendwann (kurz bevor die Lichtgeschwindigkeit theoretisch erreicht wird) so stark, dass man unendlich viel Kraft benötigen würde, um ihn weiter zu beschleunigen. Soviel dazu, Annika jedenfalls wusste in ihrer Prüfung darüber Bescheid.

Prüfung mit aktuellem Bezug

Alexander bekam es nicht mit Einstein, sondern dem französischen Präsidenten François Hollande zu tun. Sein Fach: Französisch. Sein Referatthema: französische Politik. Hollande fragte ihn zwar nicht persönlich aus, aber, so erklärt es Alexander, das Thema war topaktuell. So ging es etwa um die Europawahl vom vergangenen Wochenende, aus der die rechte Partei "Front National" gestärkt hervorging, während Hollandes Linke ziemlich schlecht wegkam. Alexanders Lehrerin hatte im Unterricht immer wieder auch aktuelle Themen aufgegriffen. Dem 18-Jährigen gefiel das und sein Gefühl nach der Prüfung ist gut: "Ich denke, es hätte schlechter laufen können", sagt er. Aufgeregt sei er nicht gewesen: "Ich mach mir grundsätzlich keinen Stress", erklärt er gelassen. Dabei habe es ihm auch geholfen, dass er in seiner Freizeit Tenorhorn in der Jugendblaskapelle Unterpreppach spielt: Die Auftritte mit seiner Musikgruppe vor Publikum sind das beste Training gegen Lampenfieber.
Jemand, der die Abiturprüfungen aus einer anderen Perspektive sieht, ist Martin Wolf. Der 32-Jährige Lehrer für Biologie und Chemie erklärt, auch für ihn und seine Kollegen sei das Abitur eine stressige Zeit, denn es kommt zum normalen Unterricht dazu. Das Kolloquium sei dabei der persönlichste Teil zwischen den Schülern und Lehrern, denn diese Prüfung basiert auf zwei Jahren gemeinsamen Unterrichts. Anders als bei den schriftlichen Prüfungen, die vom Ministerium kommen, ist das Kolloquium Sache des jeweiligen Lehrers. Wolf freut sich, dass seine Schüler soweit gekommen sind und kurz vor dem Abschluss stehen. Am kommenden Freitag gibt es die Ergebnisse der gesamten Abiturprüfung.
Und die Lehrer fiebern da durchaus mit, schließlich haben sie ihre Schützlinge viele Jahre begleitet: "Abiturienten, auf die ist man stolz", sagt Wolf.