Eine kriminelle Energie kann man der 76-jährigen Rentnerin, die zum ersten Mal in ihrem Leben vor den Schranken des Gerichts stand, wahrlich nicht nachsagen. 60 Jahre lang war sie unfallfrei Auto gefahren, aber heuer im Frühjahr war sie nach einem kleinen Parkrempler weitergefahren. Das Urteil für diese Unfallflucht fiel vergleichsweise milde aus: Die ältere Dame muss zwar eine Geldstrafe von 600 Euro zahlen, darf ihren Führerschein aber behalten.

Am 14. April gegen 10.30 Uhr passierte das Missgeschick. Damals war die Angeklagte zum Einkaufen in die Kreisstadt gefahren. Nachdem sie die Waren in ihrem VW Polo verstaut hatte, setzte sie sich ans Steuer und legte den Rückwärtsgang ein. Ob sie nicht in den Rückspiegel schaute, weiß man nicht, jedenfalls übersah sie das dahinter stehende Fahrzeug und prallte mit geringer Geschwindigkeit auf. Sie hielt an, stieg aus und ging um die beiden Autos herum.

Ihr Rechtsanwalt Alexander Wessel erklärte, dass der Unfallschaden derart gering gewesen sei, dass seine Mandantin ihn gar nicht wahrgenommen hätte und anschließend weiterfuhr. Tatsächlich waren es nur kleine Kratzerspuren, der Verteidiger sprach von einem Bagatellschaden. Gleichwohl veranschlagte ein Gutachter dessen Behebung mit über 1000 Euro.

Um den Unfallhergang lückenlos aufzuklären, wurden zwei Zeugen vernommen, die damals vor Ort waren. Dabei schilderte eine junge Frau, dass die Beschuldigte, nachdem sie ausgestiegen war, alles genau angeschaut und sich sogar an der Stelle gebückt habe, wo der Fremdschaden entstanden war. Von daher war die Einlassung der Rentnerin, wonach sie überhaupt nichts gemerkt haben wollte, doch unglaubwürdig.

Fahrverbot und hohe Geldstrafe?

Da eine der Augenzeuginnen das Nummernschild des roten Polos notiert und eine Angestellte des Supermarktes die Polizei verständigt hatte, gelangte die Sache in die Mühlen der Justiz. Und so kam es, wie es kommen musste: Sechs Wochen nach dem Vorfall erhielt die körperlich und geistig fitte Frau Post vom Staatsanwalt. Der schickte ihr einen Strafbefehl über zwei Monate Fahrverbot, verbunden mit einer Geldstrafe von 900 Euro.

Weil dies der Rentnerin zu hoch erschien, legte sie mit Hilfe ihres Verteidigers Einspruch ein. Vor dem Amtsgericht kam sie dann wirklich um einiges besser weg: Auch Rechtsreferendar Mario Geyer als Vertreter der Staatsanwaltschaft erkannte an, dass sich die Frau ein Leben lang nichts zuschulden kommen ließ. Zudem hat die Versicherung den angerichteten Schaden längst reguliert.

Strafrichterin Ilona Conver stellte zwar fest, dass die Beschuldigte die Polizei hätte holen müssen, allerdings würden hier die Umstände "aus dem Rahmen fallen" und deshalb verfahre sie nicht nach Schema F. In ihrem letzten Wort betonte die Dame: "Das ist mir noch nie passiert und das wird mir auch nie wieder passieren!"