und Anna Gartiser

Hirschaid — "Jetzt muss die Geschichte neu geschrieben werden": Im Zusammenhang mit archäologischen Grabungen wird kaum ein Satz häufiger strapaziert als dieser, und meistens stellt sich später heraus, dass er völlig zu Unrecht verwendet wurde. Im Fall des jüngsten Fundes in Hirschaid stimmt er ausnahmsweise: Hirschaids Geschichte ist bedeutend älter als ursprünglich vermutet.


Nirgendwo ein solcher Fund

Fast vier Wochen lang haben Archäologen auf dem Grundstück Bamberger Straße 23 gegraben und gleich mehrere Sensationen entdeckt: zwei sehr gut erhaltene Schmelzöfen für Bronze aus der Karolingerzeit, eine Schmuck-Fibel, wie sie sich Kirchen- und weltliche Fürsten gern an die kostbaren Mäntel steckten, sowie ein Glasschmelzofen aus der noch älteren Merowingerzeit.
Grabungsleiter Julian Decker kann sein Glück kaum fassen und er zitiert Hans Losert, einen Experten für Mittelalterarchäologie an der Universität Bamberg: "Das ist ein Fund von nationaler Bedeutung." Ähnlich gut erhaltene Schmelzöfen gebe es in ganz Deutschland nicht. Selbst das historische Wikingerzentrum Haithabu in Schleswig-Holstein habe dergleichen nicht zu bieten, sagt Decker.


Bisher ging man von 1079 aus

Das älteste Zeugnis für die Existenz von Hirschaid stammt aus dem Jahr 1079. Die Urkunde ist auch sehr alt, aber noch gut 200 Jahre jünger als die Öfen der Bronze-Handwerker, die in Hirschaid Fibeln herstellten. Diese fanden offenbar weite Verbreitung, wie vorhandene ähnliche Stücke aus Bamberg oder aber Regensburg nahelegen.


Achtlos weggeworfen

Die Werkstatt der Bronzemeister lag unter einer 80 Zentimetern tiefen Humusschicht. Julian Decker und sein Team stießen auf einen festgetrampelten Weg ("Da wurde 200 Jahre drauf rumgelaufen."), Spuren von Gebäuden und die Öfen.
Einer der Schmelzöfen wurde zur Zeit Karls des Großen, um 800 nach Christus, gebaut und war etwa 50 Jahre lang in Betrieb. Als er kaputt war, errichtete man in der Nähe einen neuen, der um das Jahr 1000 aufgegeben wurde.
Unter dem Schutt einer Abfallgrube fanden die Archäologen eine nicht fertiggestellte Fibel, offenbar Ausschuss, der achtlos weggeworfen worden war - heute aber umso kostbarer ist.
Es war die Zeit der Bamberger Bistumsgründung, als in der Hirschaider Werkstatt nicht mehr gearbeitet wurde. Möglicherweise sind die Handwerker nach Bamberg übergesiedelt, um ihre Kunst in unmittelbarer Nähe des Herrschers weiter auszuüben, mutmaßt Decker. Die Produkte aus den Bronzewerkstätten waren ja offenbar bei kirchlichen und weltlichen Herrschern sehr beliebt. Fibeln aus Hirschaid könnten in die Königspfalzen nach Hallstadt und Forchheim geliefert worden sein.
Laut Decker ist der Fund in Hirschaid auch aus einem anderen Grund bedeutsam: Bisher sei man davon ausgegangen, dass es im weiten Umkreis keinen Produktionsstandort für solche Fibeln gegeben habe. "Man ging immer davon aus, dass sie aus dem Rheinland oder Südwestdeutschland kommen." Nun ist klar: Fibeln wurden (auch) in Hirschaid produziert.
Mit den Brennöfen für Bronze und der Fibel sind die Fundstücke in der Bamberger Straße 23 aber noch nicht alle aufgezählt. Es gab auch einen Glasschmelzofen, der noch einmal 200 Jahre älter ist als der älteste der Bronzeschmelzöfen und aus der Merowingerzeit ("Wir sind irgendwo im 7. Jahrhundert!") stammt. In seiner Nähe lagen Glasschlacke und eine Glasperle.
"Bisher sind fast keine Siedlungen der Merowingerzeit in der Gegend bekannt, eine Ausnahme bildet da Eggolsheim", sagt Decker. Deshalb sei der Fund in Hirschaid einfach "ein Hammer".


Beträchtliche Kosten

Oliver Panzer ist einer der drei Bauherren, die auf das Areal ein Mehrfamilienhaus bauen werden. Sie wussten vor dem Kauf, dass vor den Handwerkern erst Archäologen graben müssen. Das war eine Auflage der Behörden, weil vor einigen Jahren in der Nachbarschaft uralte Scherben gefunden wurden. Was nicht zu erwarten war: dass sich die Grabungen der Archäologen fast vier Wochen lang hinziehen und derart erfolgreich sein würden. Die dadurch aufgelaufenen Kosten wurden zum Großteil von den Bauherren getragen. Gleichwohl sind sie stolz darauf, sehr viel mehr Licht in das Dunkel der Hirschaider Vergangenheit gebracht zu haben.
Klaus Homann, Bürgermeister der Marktgemeinde Hirschaid - die ebenfalls finanzielle Unterstützung leistet -, zeigt sich von dem Fund ebenfalls beeindruckt und bringt gleich ein bisschen Ironie ins Spiel: "Wir sind und waren eben schon immer ein bedeutender Industriestandort."


Jetzt darf gebaut werden

Mit der Freigabe des Grundstücks dürfen die Bauherren jetzt die Bauarbeiter bestellen. Die Schmelzöfen sind nach den Regeln der archäologischen Wissenschaft dokumentiert, die Fibel gesichert - und sie wird vielleicht einmal im Hirschaider Museum zu sehen sein.