von unserem Mitarbeiter 
manfred Wagner

Haßfurt — "Der Heilige Geist hat das Diebesgut nicht in Ihr Auto geschleppt", hielt Ilker Özalp von der Staatsanwaltschaft einem 23-Jährigen vor. Die ganze Geschichte sei "reichlich dubios", meinte der Ankläger in einem Strafprozess vor dem Amtsgericht in Haßfurt. Auf der Gegenseite war Rechtsanwalt Jens Urban überzeugt, dass man seinem Mandanten die Tat einfach nicht nachweisen könne. Nach längerer Beratung schloss sich Amtsrichterin Ilona Conver dieser Auffassung an. Da ihr die Beweislage zu dünn war, sprach sie den jungen Mann nach dem Grundsatz "in dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten" frei.


Ein klarer Fall?

Auf den ersten Blick schien der Fall klar zu sein. Erstens fand man das Auto des Angeklagten randvoll gefüllt mit Haushaltsgegenständen wie elektrischen Geräten, Uhren, Spielzeugen und Geschirr, allesamt gestohlene Sachen aus dem aufgebrochenen Anwesen in einem Steiger-walddorf. Und zweitens hatte der Beschuldigte für die infrage kommende Tatzeit - knapp zwei Tage - kein stichhaltiges Alibi. Damit lag der Verdacht offen auf der Hand: Der Besitzer des Wagens musste der Täter sein. Oder doch nicht?
Der Verteidiger führte in seinem Plädoyer überzeugend aus, dass eine Vielzahl von Fragen offen geblieben war. So konnte beispielsweise die genaue Tatzeit nicht geklärt werden. Erfolgte der Einbruch in der Nacht des 28. Februar dieses Jahres auf den 1. März, also von Samstag auf Sonntag, oder war es einen Tag später? Falls es in der Nacht zum Montag war, scheidet der Angeschuldigte als Täter aus, weil er zu diesem Zeitpunkt in der psychiatrischen Einrichtung in Werneck war.
Zudem stammen die von den Polizeibeamten aufgefundenen Fingerabdrücke an der eingeschlagenen Fensterscheibe nicht von dem Mann. Obendrein, so der Anwalt, war das Auto mit dem Diebesgut seit Langem unverschlossen. Ergo könne man nicht ausschließen, dass ein Bekannter oder Freund ohne Wissen seines Mandanten die Sachen in das Fahrzeug geworfen habe.
Der Angeklagte selber will sich an absolut nichts erinnern können. In dieser Zeit, beschrieb er seine damalige Situation, habe er seine Freundin, seinen Job und seine Wohnung verloren. Er sei mit den Nerven völlig fertig gewesen, fügte er hinzu. Ob er tatsächlich diesen vollständigen "Blackout" hatte, ließ sich nicht klären. Jedenfalls kam der junge Mann am Sonntag des 1. März in die psychiatrische Klinik und blieb dort eine gute Woche.
Bereits am ersten Verhandlungstag vor zwei Wochen hatte sich herausgestellt, dass es in der Nacht von Samstag auf Sonntag einen heftigen innerfamiliären Streit gab. Worum es dabei ging und was sich damals abspielte, blieb ebenfalls im Dunkeln, weil sowohl die Mutter als auch der Stiefvater im Zeugenstand von ihrem Recht, die Aussage zu verweigern, Gebrauch machten.
Den Freispruch begründete die Richterin mit einem hehren Grundsatz des deutschen Strafrechts: Demnach muss der Staat dem Angeklagten zweifelsfrei und konkret nachweisen, dass er die Tat begangen hat. "Die komplette Beweislast obliegt der Justiz und den Verfolgungsbehörden", sagte die Vorsitzende.
Möglicherweise legt die Staatsanwaltschaft, die eine achtmonatige Freiheitsstrafe gefordert hatte, Berufung beim Bamberger Landgericht ein.