Zeil — Ein ganzes Buch voller Geschichten schreibt nicht jeder. Fritz Wölfel darf sich nun auch Autor nennen. "Mit meinen Kindheitserinnerungen will ich dem Leser weder literarisch noch geistig etwas Besonderes vorlegen. Dafür sind meine Erzählungen zu einfach - oder gerade deshalb wenigstens einmal lesenswert." Fritz Wölfel aus Zeil ist bescheiden. Aber er ist schon stolz auf sein Werk. Gerade ist sein Büchlein "Erinnerungen an meine Kindheit" fertig geworden. Und das erste Exemplar überreichte er an Bürgermeister Thomas Stadelmann (SPD) im Zeiler Rathaus.

Augenblicke festhalten

Das hat seinen Grund. Gelegentlich veröffentlicht Fritz Wölfel nämlich die eine oder andere Geschichte im Zeiler Amtsblatt. Dies geht natürlich nur mit der Zustimmung des Stadtoberhaupts. Die dieser aber gerne erteilte, denn er liest die Wölfelschen Ergüsse genauso gerne wie viele andere Zeiler, die ihrerseits den Autor dazu angeregt haben, seine Erinnerungen in einem Buch festzuhalten.
Die ersten Schritte zu dem Druckwerk liegen jedoch viel weiter zurück und fielen damals gar nicht so leicht. Fritz Wölfel war an einer schweren Virusinfektion erkrankt, die sein gesamtes Nervensystem in Mitleidenschaft zog, und musste völlig neu das Schreiben erlernen. "Und da habe ich mir gedacht, bevor ich irgendwelche Kreise male", erzählt er dem Bürgermeister, "schreibe ich meine Erinnerungen von früher auf." Als dann seine Familie die ersten Geschichten gelesen hatte, ermutigten ihn seine Frau Gerda-Maria und seine Söhne Gunther und Thilo doch weiterzumachen und sagten: "Papa, Du kannst richtig gut schreiben."

Leseproben im Amtsblatt

Die ersten Veröffentlichungen im Amtsblatt fanden gleich gewaltigen Anklang unter den Zeilern, vor allem bei Mitgliedern seines Schuljahrgangs 1939, was Fritz zu dem Ausspruch veranlasste: "Ich bin happy - ein Wort, das übrigens nicht aus meiner Kindheit stammt - und sehr erfreut über die große Resonanz." Fritz Wölfel ist 1939 geboren. Das heißt auch, dass er seine früheste Kindheit im Zweiten Weltkrieg erlebte. Das fließt in seine Erzählungen mit ein, zum Beispiel als sich die Zeiler auf dem Käppelesberg in den Kellern versteckten. Wölfel erläutert: "Ich gehöre zu denen, die 1947 das Vieh an Sonntagen bei großer Sommerdürre auf die Mainwiesen geführt haben, um es die letzten grünen Halme fressen zu lassen."
Oder er erinnert an das Fußballspiel zwischen Knetzgau und dem FC Zeil, als der Ball durch das aufgerissene Tornetz rollte und der Schiri den Treffer nicht anerkannte. Überhaupt: Duelle mit Knetzgau waren immer etwas Besonderes und wurden manchmal auch sehr hart geführt, auch unter den Zuschauern.

Religiöse Schranken

Hart war es auch, dass zwischen katholischen und evangelischen Schülern auf dem Schulhof in der Pause ein Trennungsseil gespannt wurde. Oder das Kennenlernen des eigenen Vaters erst nach dem Krieg als schon Siebenjähriger. Eher amüsant und nachdenklich machend war, dass sein Jahrgang vom Lehrer zum Main geführt wurde, um im sauberen Mainwasser zu baden. Thomas Stadelmann findet es faszinierend, wie lebendig Wölfel die alten Zeiten schildert. "Die Kinder haben früher einfach mehr erlebt", so der Zeiler Bürgermeister.
Es gab damals eine andere Art der Kommunikation. Das Leben spielte sich anders ab, funktionierte in der Großfamilie täglich zusammen, heute leider eine Seltenheit." Stadelmann freut sich, dass es Menschen gibt, die sich mit der Geschichte der Stadt beschäftigen, dieses Wissen bewahren und weitergeben. "Ihr seid Zeitzeugen", so Stadelmann. "In dem Buch finden sich viele Zeiler wieder, vor allem natürlich die ältere Generation."
Stadelmann hat das Projekt von Anfang an unterstützt. "Man hat gleich gemerkt, was für eine große Bedeutung es für den Fritz hat, alles zu erzählen."
Vor allem der Mix ist es, der Stadelmann so gefällt. "Da sind auch lustige Begebenheiten in dem Buch." Und Wölfel ergänzt mit einem schelmischen Lächeln: "Und man kann auch zwischen den Zeilen lesen." Und er versichert: "Es ist nichts übertrieben, dafür garantiere ich, und nichts abgeschrieben."

Geschichten des Lebens

Man kann sie auch heute noch spüren, zum Beispiel bei der Übergabe des Werkes an den Bürgermeister, die Begeisterung von Fritz Wölfel. Er lässt es sich nicht nehmen. Er muss einfach ein paar Geschichten persönlich vorlesen, eine spontane Autorenlesung quasi. Eine seiner Lieblingsgeschichten ist wohl die Erzählung von den Kartoffelkäfern. Er schmunzelt, als er vorliest, wie der komplette Schuljahrgang 1939 eingesetzt wurde, um die heimische Kartoffelernte vor der Vernichtung durch den Schädling zu retten. Ja und er gluckst regelrecht, als er die Geschichte von der Wärmflasche zum Besten gibt, die auf sehr humorige Weise eine sehr spezielle Form des Zusammenlebens von Mann und Frau schildert. Aber mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Das Zeiler Wahrzeichen

So sind insgesamt 148 Seiten zusammengekommen. Eine geballte Ladung Zeiler Nachkriegsgeschichte.
Die Titelseite ziert ein Bild vom Schleifbergweg. "Der Weg bedeutet mir persönlich sehr viel", gesteht der Autor im Gespräch mit der Heimatzeitung. Auf der Rückseite des Titels prangt das Zeiler Wahrzeichen, das Käppele, in Form einer Acrylmalerei von Fritz Wölfels Ehefrau Gerda-Maria.