Ein Jahr nach der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns zieht die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) für den Landkreis Kulmbach eine positive Bilanz. "Zum ersten Mal haben alle Beschäftigten einen festen Lohnsockel unter den Füßen - von der Küchenhilfe bis zur Verkäuferin im Backshop: Wer arbeitet, muss dafür mindestens 8,50 Euro pro Stunde bekommen", sagt Michael Grundl. Für den Geschäftsführer der NGG Oberfranken ist der gesetzliche Mindestlohn der "Einstieg in den Lohn-Aufstieg für Menschen, die zuvor mit Niedrigstlöhnen abgespeist wurden".
Vom "Schreckgespenst Mindestlohn", vor dem die Arbeitgeber auch im Landkreis Kulmbach noch vor einem Jahr gewarnt hätten, sei nichts übrig geblieben: Der Mindestlohn sei weder "Konjunktur-Bremser" noch "gefährlicher Job-Killer". Die NGG legte dazu jetzt eine aktuelle "Mindestlohn-Analyse" vor, die das Pestel-Institut (Hannover) im Auftrag der Gewerkschaft gemacht hat.
Die Wissenschaftler werteten dabei auch die Beschäftigungssituation im Landkreis aus: "Anstatt Servicekräfte oder Küchenpersonal zu entlassen, haben Hotels, Pensionen, Restaurants und Gaststätten neue Kräfte eingestellt. Insgesamt arbeiteten dort im Juni vergangenen Jahres immerhin 732 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte - und damit 7,2 Prozent mehr als noch im Vergleichsmonat des Vorjahres, als es den gesetzlichen Mindestlohn noch nicht gab", sagt Grundl.
Nach Meinung der NGG Oberfranken habe der Mindestlohn zudem dazu geführt, dass etliche Arbeitgeber aus Mini-Jobs reguläre Stellen gemacht haben. Das gelte nicht nur für die Gastro-Branche. "Viele Mini-Jobs waren besonders schlecht bezahlt. Durch den Mindestlohn sind die Mini-Jobber dann über die 450-Euro-Grenze gerutscht. Und das sind jetzt sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Diese Menschen haben damit etwas Besseres als den Mini-Job. Das ist ein Riesenerfolg", sagt Michael Grundl.


Weniger Arbeitslose

Die Arbeitslosigkeit hat im "Mindestlohn-Jahr 2015" abgenommen: Im letzten Dezember waren rund 1655 Menschen im Landkreis Kulmbach ohne Beschäftigung - und damit 10,7 Prozent weniger als noch ein Jahr zuvor.
Dabei habe auch der Staat vom Mindestlohn profitiert. Er musste weniger Menschen unterstützen und sparte bei den Hartz-IV-Ausgaben. Denn die Zahl der Aufstocker ist um 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zurückgegangen: "Diese Menschen können nun von ihrer Arbeit leben", so Michael Grundl.
Diese Zahlen liefern für den Geschäftsführer der NGG Oberfranken eine "klare Botschaft": "Der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde hat den Beschäftigten gut getan. Und er hat der Wirtschaft nicht geschadet."
Im Gegenteil: Das Lohn-Plus habe dem Landkreis Kulmbach letztendlich eine höhere Kaufkraft beschert, von der insbesondere auch die heimische Wirtschaft profitiert habe.
Um diesen Menschen die Chance zu geben, auch Geld für größere Anschaffungen auf die hohe Kante zu legen, müsse der Mindestlohn allerdings steigen: "Unser Ziel ist es, ihn möglichst rasch in einem ersten Schritt auf 10 Euro pro Stunde anzuheben", macht der Gewerkschafter deutlich. red