Diese dunklen Tage begleitet ein Mantra der Standhaften und Unverdrossenen: "Es kann in einer offenen Gesellschaft keine 100-prozentige Sicherheit geben." Der Satz ist auf eine banale Weise richtig. Und doch wird er in seiner gut gemeinten Gelassenheit den Menschen nicht gerecht, die zuletzt in Würzburg, in München oder am Sonntagabend in Ansbach verletzt worden sind oder infolge der Attacken, Amokläufe und Anschlägen ihr Leben verloren haben.

Das Leben ist keine Wahrscheinlichkeitsrechnung, sondern hat einen absoluten Wert. Wir sind es den Verletzten und Toten sicherlich schuldig, uns nicht über die Maßen einschüchtern zu lassen. Aber mindestens genau so sehr sind wir ihnen schuldig, alles dafür zu tun, damit sich derartige Attentate und Amokläufe nicht wiederholen.
Deshalb ist es auch keinem Menschen zuzumuten, sich als Märtyrer der offenen Gesellschaft vor einem Schnellimbiss, in einem Konzert oder einer Regionalbahn sich erschießen oder in den Tod Bomben lassen. Außerdem täuscht das Mantra eine Abgeklärtheit vor, die dem Weltgefühl der allermeisten Menschen schon gar nicht mehr entspricht. Wo Festivals abgesagt werden und sich Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln mit bislang ungekanntem Argwohn begegnen, hat der Terror unsere Gedanken und Verhaltensweisen bereits infiziert.

Allein das Wissen um die Möglichkeit, dass etwas passieren könnte, zu jeder Zeit, an jedem Ort, macht uns zu anderen, zu unfreieren Menschen. Es ist Zeit, sich dies auch einzugestehen, anstatt die liberalen Glaubenssätze und Risikostatistiken wie einen Abwehrzauber vor sich herzutragen.

Natürlich gilt: Der Wunsch nach zu viel Sicherheit kann die Freiheit ersticken. Das Gegenteil ist aber mindestens ebenso sehr wahr: Wo Menschen Furcht haben, sind sie nicht frei. Nur sich sicher fühlende Menschen werden im Übrigen auch den Flüchtlingen mit jener Großherzigkeit und Hilfsbereitschaft begegnen, die die allermeisten von ihnen verdienen. Liberale Gesellschaften sind nicht nur vergleichsweise frei und liberal, sie besitzen auch die Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstkorrektur. Staat und Gesellschaft sollten die vergangenen schlimmen Tage deshalb zum Anlass nehmen, sich zu hinterfragen und aus möglichen Fehlern zu lernen:

Benötigen Geheimdienste und Behörden nicht mehr Kompetenzen? Benötigen wir die Bundeswehr im Inneren? Schieben wir abgelehnte Asylbewerber zu lax ab? Hat sich der Staat bei der Betreuung von nicht selten traumatisierten Flüchtlingen zu sehr auf das Engagement von Ehrenamtlichen vertraut? War es ein Fehler, Hunderttausende unregistriert ins Land zu lassen? Haben wir uns zu lange eingeredet, dass die Attentate der vergangenen nichtsmit dem Islam zu tun haben? Hat die bürgerliche Mitte zu lange gelangweilt oder angeekelt auch verdrängt, was an ihren sozialen Rändern geschieht; welche Verwahrlosung, Verzweiflung, welche Wut sich dort angestaut haben?

Das Land muss diese Fragen zulassen, ernsthaft und ohne Tabus erörtern und aus den Antworten Schlüsse ziehen. Über die konkreten Folgen darf, nein, muss anschließend so erbittert gestritten werden, so wie es eine offenen Gesellschaft angemessen ist.

Eine Gesellschaft, die aus falsch verstandenem Heldenmut den Terror schulterzuckend als neue Normalität zu akzeptieren bereit ist, gibt sich dagegen auf.