Es gab sicher Spannenderes und Entspannenderes als Routine-Streifen an der deutsch-deutschen Grenze. Denn dort tat sich nicht viel. Meistens jedenfalls. Gerhard Kauf, heute im Landratsamt, war von Januar 1970 bis Ende 1977 beim BGS in Oerlenbach.

Der Garitzer arbeitete als EDV-Operator in der Schweinfurter Großindustrie, als er zu Bundeswehr eingezogen werden sollte. Das hat ihm gar nicht gefallen. Deshalb verpflichtete er sich lieber beim Grenzschutz. Dort ging es allerdings deutlich "zackiger" zu als beim "Bund". Kauf ("das kann man wohl sagen") erinnert sich: Die BGSler hätten die Soldaten bei Vergleichswettkämpfen "regelmäßig über den Tisch gezogen."

Die Oerlenbacher Beamten waren zuständig für einen 125 Kilometer langen Abschnitt von Maroldsweisach bis zur bayerisch-hessischen Landesgrenze. Der Dienst an der Nahtstelle von Ost und West war nicht so prickelnd. Die ersten beiden Jahre hat der spätere Polizeimeister meist Wache geschoben an der Unterkunft oder im Munitionslager Rottershausen. Dazu kam, vor allen an den Wochenenden", Grenzsicherung an der Demarkationslinie, gemeinsam mit GIs aus Bad Kissingen beziehungsweise Wollbach im Landkreis Rhön-Grabfeld. Der BGS-Mann war mit Gewehr und einem Magazin ausgestattet. Die GIs hatten einen Jeep samt aufmunitioniertem MG. Den Geländewagen hätten sie "immer in Fluchtrichtung" abgestellt. Kontakte oder gar Konfrontationen mit NVA-Grenztruppen habe er, sagt Kauf, nicht erlebt.

Andere schon. So der damalige Oberwachtmeister Rudolf Romeis (21). Er rettete in der Neujahrsnacht 1970, unterstützt von Alois Reis und Wolfgang Schmidt, einen Flüchtling (17) aus dem Minenfeld, dem ein Fuß zerfetzt worden war. Dafür gab es viel Lob, einige Tage Sonderurlaub und einen Empfang bei Innenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) in Bonn.

Im Laufe der Jahre war die Demarkationslinie von der DDR als Eiserner Vorhang ausgebaut und perfektioniert worden. Zunächst hatte ein Grenzzaun genügt. Später kamen Metallgitter, Sperrgräben, Hundelaufanlagen. Minen und SM-70-Selbstschussautomaten zum Einsatz. Die Sperrzone reichte Kilometer weit ins Hinterland.

Die Oerlenbacher BGS-Beamten hatten oft und hochrangigen Besuch. So machte sich der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke am 5. Oktober 1964, begleitet von Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU) selbst ein Bild vom "antifaschistischen Schutzwall" (O-Ton DDR). Knapp drei Jahre später war Lübke erneut zu Gast. Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger (CDU) und Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU) waren vor Ort, ebenso Innenminister Genscher.

Ein Highlight: Am 21. Juni 1973 wurde um Mitternacht die Ampel an der Grenzkontrollstelle Eußenhausen-Meiningen, der einzigen in Unterfranken, auf Grün geschaltet. Für die Westdeutschen war damit die Grenze etwas durchlässiger geworden.

1972 hatte die Abteilung in Oerlenbach, als zweite überhaupt, am Bad Kissinger Marktplatz eine Truppenfahne von Oberbürgermeister Hans Weiß und Landrat Magnus Herrmann (beide CSU) erhalten.
Ihre Beamte waren nicht nur an der Grenze im Einsatz, sondern auch bei den Olympischen Spielen in München, bei der Fußball-WM 1974, beim Prozess gegen die Baader-Meinhof-Bande in Stammheim oder auch bei Anti-Kernkraft-Demonstrationen in Brokdorf und Gorleben sowie an der Startbahn West am Frankfurter Flughafen.
Die Grenzschutzabteilung war längst ein Teil der Gemeinde geworden. Auf allen Ebenen gab es hervorragende Beziehungen. Das ist bis heute so geblieben.


Die Sperranlagen


Die von der DDR errichteten Sperranlagen reichten mehr als fünf Kilometer weit ins Hinterland. Zunächst musste ein Passierpunkt an der Sperrzone passiert werden. Dann folgte der Schutzstreifenzaun mit elektronischen und akustischen Signaldrähten. Er wurde ergänzt von Hundelaufanlagen, Betonsichtblenden, Beobachtungsbunkern und -türmen. Weitere Hindernisse waren Lichtsperren, Kfz-Sperrgräben und ein 3,2 Meter hoher, scharfkantiger Metallgitterzaun made in (West-)Germany. Dazwischen verliefen ein abgeholzter und geeggter Geländestreifen, Kontrollstreifen und Kolonnenweg mit Fahrspurplatten aus Beton. Diese "Schutzzone" war 500 Meter tief. Trotzdem gelang alleine an der unterfränkischen Grenzlinie zwischen 1962 und 9. November 1989 insgesamt 645 Menschen die Flucht in die Freiheit. ed