• Das knappe Gut: Gas
  • Wird Russland weiter Erdgas liefern oder nicht?
  • Wie entwickelt sich der Gaspreis?
  • Die Deutschen verbrauchen weniger Gas
  • Das Sparprogramm: Thermostate an der Heizung austauschen

Die Alarmglocken schrillen in Berlin: „Wir sind in einer Gaskrise“, so Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Wegen der angespannten Lage auf den Gasmärkten hat die Bundesregierung die zweite Eskalationsstufe im Notfallplan Gas ausgerufen. Wie konnte das passieren? Was sind die Hintergründe? Wie kannst du Gas sparen?

Das knappe Gut: Gas

Russland hat seine Gaslieferungen an Deutschland durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 seit dem 14.6.2022 um etwa 60 Prozent verringert. Die Bundesregierung hat deswegen die Alarmstufe II des Notfallplans Gas ausgerufen.

Aktuell (28.6.2022) beträgt der Füllstand in Deutschland laut den Daten der Bundesnetzagentur 60,26 Prozent, die Gasspeicher auf EU-Ebene sind zu 57,12 Prozent gefüllt. Mit diesen Mengen könnte es im Winter knapp werden, so Habeck.

Die Tages-Einspeicherungsrate für Deutschland schwankt aktuell zwischen 0,3 und 0,4 Prozent. Um die deutschen Gasspeicher auf einen Füllstand von 100 Prozent zu heben, braucht es bei diesem Einspeisetempo damit noch ca. 4 Monate.

Wird Russland weiter Erdgas liefern oder nicht?

Im Juli (11.7. bis 21.7.) stehen Routine Wartungen der Pipeline Nord Stream 1 (Länge 1.224 Kilometer) an. Dann fließt 10 Tage lang kein Gas. Die Szenarien der Bundesnetzagentur gehen, für die Zeit danach, von zwei Möglichkeiten aus: Entweder Russland liefert nach der Wartungspause weiter die auf 40 Prozent reduzierte Menge Gas – oder es stoppt die Lieferungen komplett.

tagesschau.de berichtet, dass Jurij Witrenko, Chef des ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erklärte, Russland könne die Förderungen nicht einfach stoppen. "Wenn sie Öl und Gas fördern, können sie die Bohrungen nicht einfach abschalten. Die Flüsse können nicht wesentlich reduziert werden, und dann muss man das Gas, das man fördert, verbrennen. Ich würde davon ausgehen, dass Öl und Gas weiter fließen werden", so Witrenko.

Ein weiterer Grund dafür, dass Deutschland auf einen Gasnotstand zusteuert, ist eine Explosion (am 8.6.2022) in einer texanischen Anlage, von der US-Flüssiggas nach Europa geliefert wird. Das Terminal fällt monatelang aus. Wie die Energieexpertin Claudia Kemfert in der Sendung "Markus Lanz" bestätigte, kommt voraussichtlich erst 2024 Flüssiggas aus Katar, bis dahin sollten vor allem Lieferungen aus den USA die Lücke füllen. "Das heißt 20 Prozent weniger als wir eigentlich eingeplant haben." Und das sei der Grund für den jetzt ausgerufenen Notfallplan Stufe II der Bundesregierung, so Kemfert.

Deutsche Gas-Exporte in die EU stoppen?

Deutschlands Energieversorger importieren nicht nur Gas, sie exportierten es auch an andere Länder in der EU. "Schluss damit!", könnten Heißporne fordern. Ein Exportstopp, ist aber ein hypothetisches Szenario. Wirtschaftsminister Habeck schließt dies aus. Vergangenes Jahr hat die Bundesrepublik immerhin 483 Terrawattstunden Erdgas ans Ausland geliefert. Das entspricht rund 35 Prozent der Menge, die zuvor eingeführt wurde.

Der Grund für die Exporte: Der europäische Gasmarkt ist wirtschaftlich und gesetzlich miteinander vernetzt. Im Fall einer Notlage hätte etwa die Versorgung österreichischer Krankenhäuser Vorrang vor der Versorgung deutscher Industriebetriebe. Die Bundesregierung sieht es als alternativlos an, dass die EU die Gaskrise gemeinsam bewältigt. 

Deutschland und mehrere osteuropäische EU-Staaten wollen sich laut der Bundesregierung im Falle einer Energiekrise gegenseitig helfen. "Kein Land kann auf sich selbst angewiesen sein", sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck vor einem Treffen der für Energie zuständigen EU-Minister in Luxemburg. "Eine Versorgungskrise in einem Land führt zu einer Wirtschaftskrise im anderen Land." Habeck sagte, er habe eine Absichtserklärung mit seinen osteuropäischen Kollegen unterzeichnet, um sich bei der Energiesicherheit gegenseitig zu unterstützen.

Welche Konsequenzen hat die Gasknappheit für die Industrie?

Ein Komplettausfall der Gaslieferungen aus Russland hätte wirtschaftlich erhebliche Folgen. Ein Gasstopp könnte 12,7 Prozent der Wirtschaftsleistung kosten, das geht aus einer Studie des Prognos-Instituts im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) hervor. Sollte es dazu kommen, könnte der Bedarf der Industrie demnach nicht einmal zur Hälfte gedeckt werden. Die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt wären verheerend: "Insgesamt wären rechnerisch etwa 5,6 Millionen Arbeitsplätze von den Folgen betroffen", sagte VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

Besonders bedroht sind demzufolge Branchen wie die Glasindustrie oder die Stahlverarbeitung. "Dort müssen wir davon ausgehen, dass die Wertschöpfung um fast 50 Prozent zurückgeht", sagte Brossardt für den Fall ein Gasstopps. "Ähnliches gilt für die Chemie-, Keramik-, Nahrungsmittel- und Textilbranche sowie das Druckereiwesen. Hier liegen die Wertschöpfungsverluste bei über 30 Prozent."

Leichte Entwarnung geben dagegen die Simulationsrechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), das Münchner Ifo-Institut, das Essener RWI und das IWH Halle. Würden die derzeit auf 40 Prozent gedrosselten russischen Lieferungen fortgesetzt, „dann droht auch bei ungünstigen Konstellationen kein Gasengpass für die Industrie“, so die Institute.

Wie machen es andere Länder in Europa?

Wegen drohenden Engpässe haben Dänemark und die Niederlande ihre Gas-Notfallpläne ebenfalls aktiviert. Probleme bei der Energiesicherheit gebe es zwar noch nicht, so der niederländische Energieminister Rob Jetten. Doch die Lage könne sich schnell verschlechtern. Eine der Konsequenzen: Die Kohlekraftwerke sollen bis 2024 auf voller Kraft laufen, statt wie bisher auf 35 Prozent Leistung. Dänemark setzte die erste Stufe eines dreistufigen Notfallplans für die Gasversorgung in Kraft. Wie die staatliche Energieagentur mitteilte, wird nun der Markt engmaschiger beobachtet, um besser auf von Russland ausgelöste Störungen vorbereitet zu sein.

Polen und Bulgarien haben gelassen auf den Gas-Lieferstopp reagiert. „Dieser Stopp von Gaslieferungen aus Russland hat uns nicht überrascht, wir haben uns schon seit Jahren gut auf dieses Szenario vorbereitet und schon seit 2015 schrittweise unsere Abhängigkeit von russischem Erdgas um etwa 20 Prozent zurückgefahren“, hatte der polnische Vizeaußenminister Szymon Szynkowski vel Sek dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) bereits Ende April gesagt. Polen erhält unter anderem aus Litauen und der Slowakei und ab Herbst über eine neue Gaspipeline durch die Ostsee weiter Gas.

Bulgarien erhält LNG-Gas aus den USA. Das amerikanische Gas soll über LNG-Terminals in Griechenland und der Türkei dorthin gelangen. Außerdem gibt es Gespräche mit Aserbaidschan über eine Erhöhung der Gaslieferungen.

Wie entwickelt sich der Gaspreis?

Die Megawattstunde Gas (TTF) kostete am Spot market (28.6.2022) rund 134 Euro, vor einem Jahr waren es nur rund 20 Euro. Diese Zahlen zeigen, was auf die Gasverbraucher*innen zukommen kann.

Laut dem Vergleichsportal Verivox haben die Grundversorger für Juni, Juli und August bereits insgesamt 150 Tariferhöhungen der Gaspreise angekündigt – um durchschnittlich 35 Prozent, was bei einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden (vierköpfige Familie) Mehrkosten von 635 Euro pro Jahr entspräche. Und Verivox rechnet mit einer "größeren Preiserhöhungswelle" spätestens im Herbst, heißt es. Auch Preiserhöhungen von deutlich mehr als 35 Prozent seien möglich.

Und das ist die gute Nachricht bei all der Tristesse: Bei einem russischen Gasstop wären neun von zehn Befragten (89 Prozent) bereit, ihren Gasverbrauch teils deutlich zu senken, wie eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Vergleichsportals Verivox ergab.

Die Deutschen verbrauchen weniger Gas

Mit Gasflaschen ist die Krise nicht zu meistern.
CC0 / Pixabay / kobitriki

Der Erdgasverbrauch in Deutschland ist in den ersten sechs Monaten des Jahres 2022 schon gesunken. Das Ziel ist es, bei den Verbrauchern 20 Prozent Gas gegenüber dem Vorjahr (2021) einzusparen.

  • Jan   2021: 142,3    2022: 129
  • Feb   2021: 121,2    2022  106
  • März 2021: 109,7    2022   92,5                                                  
  • April 2021:  95,9     2022   82
  • Mai  2021:   68,2     2022   51
  • Juni 2021:   46,1     2022   25

Gassparen funktioniert also schon, aber einiges geht noch. Wie, darüber informiert die Verbraucherzentrale Hamburg (VZHH). Gassparen hat einen doppelten Effekt: Es schont nicht nur die Gasvorräte, sondern zusätzlich auch den eigenen Geldbeutel.

Vorschläge zum Sparen: Heizung auf Sommerbetrieb

Kürzeres Duschen: Wer jeden Tag duscht und 8 Minuten lang unter einer normalen Brause steht, zahlt bei den aktuellen Gaspreisen laut Vergleichsportal Verivox dafür rund 280 Euro pro Jahr. Wird die Duschzeit halbiert, sind rund 140 Euro pro Jahr einzusparen. Wird das warme Wasser hingegen mit Strom erwärmt, was in ungefähr 20 Prozent der deutschen Haushalte der Fall ist, liegen die jährlichen Kosten für die tägliche 8-Minuten-Dusche bei 611 Euro pro Jahr. Wer die Duschzeit auf 4 Minuten reduziert, spart damit rund 306 Euro im Jahr. Der interaktive Duschrechner der Verbraucherzentrale zeigt, wie viel Kilowattstunden Energie ein Duschvorgang verbraucht. Hier zeigt sich, dass der spart, wer nicht ganz so heiß duscht. Grundsätzlich können vor allem Haushalte, die ihr Warmwasser über Gasthermen oder Gasboiler erhitzen, aktiv ihren Verbrauch minimieren.

Heizung auf Sommerbetrieb: Um Energie zu sparen, sollte die Heizung nicht das ganze Jahr über durchlaufen, sondern auf Sommerbetrieb umgestellt sein. Dann sind die Heizkreisläufe abgeschaltet und es wird nur noch warmes Wasser bereitgestellt. Dabei brauchen ältere Kessel eine manuelle Umstellung, neuere erledigen das automatisch. Die Heizungen schalten allerdings oft erst ab Außentemperaturen von 15 Grad automatisch um.

Thermostat an der Heizung: Ein Thermostatventil lässt nur so lange heißes Wasser durch einen Heizkörper fließen, bis die Wunschtemperatur erreicht ist. Welche Temperatur das ist, hängt vom persönlichen Empfinden und der Nutzung des Raums ab. Temperaturen zwischen 18 Grad im Schlafzimmer und 21 Grad im Wohnzimmer reichen meistens aus. In ungeheizten Räumen sollte die Temperatur nicht unter 16 Grad fallen - sonst drohen Feuchtigkeit an den Wänden und Schimmel, falls nicht gleichzeitig ausreichend gelüftet ist. Bei einem Standard-Thermostat entspricht Stufe 2 etwa 16 Grad, Stufe 3 etwa 20 Grad und Stufe 4 etwa 24 Grad. Pro Grad weniger spart man circa 6 Prozent Heizkosten. 

Noch mehr Sparen: Heizkörper freihalten und entlüften

Heizkörper unbedingt freihalten: Die Heizenergie kann sich sonst nicht im Raum verteilen und die Wohnräume heizen sich nicht gleichmäßig auf. Eine einfache Regel lautet, dass jeder Heizkörper gut zu sehen sein sollte, damit die Raumluft ihn ungehindert umströmen kann. Ebenso wichtig ist es, die Heizkörper sauber zu halten, da Staubablagerungen die Heizleistung mindern.

Heizkörper entlüften: Werden die Heizkörper nicht komplett warm oder sind gluckernde Geräusche zu hören, ist meist Luft im Spiel. Die Heizanlage muss dann mehr Energie aufbringen, um die Räumlichkeiten zu erwärmen. Abhilfe bringt die Entlüftung mit einem entsprechenden Schlüssel. Damit lässt sich einfach und unkompliziert die Luft aus den warmen Heizkörpern ablassen. Sowohl vor als auch nach der Entlüftung ist der Druck im Heizungssystem zu prüfen, unter Umständen ist auch Wasser nachzufüllen.

In einem Mehrfamilienhaus mit Zentralheizung ist dafür eine Rücksprache mit dem Vermieter beziehungsweise der Hausverwaltung empfehlenswert, denn Mieter können den Heizungsdruck nicht selbst kontrollieren und nachsteuern.

Weitere Tipps zum Sparen: Heizkostenabrechnung prüfen

Fenster und Türen dichthalten: Undichte Außentüren und Fenster vergrößern Wärmeverluste in Haus und Wohnung und sorgen für unangenehme Zugluft. Um die Dichtigkeit von Fenstern zu prüfen, kann ein Blatt Papier zwischen Rahmen und das geschlossene Fenster geklemmt werden. Lässt sich das Papier nicht herausziehen, ist das Fenster dicht genug. Bei Haus- und Wohnungstüren kann meist nachträglich ein Dichtprofil leicht angebracht werden, um Heizverluste zu minimieren.

Heizkostenabrechnung prüfen: Wer seine konkreten Kosten und Einsparmöglichkeiten kennt, hat einen höheren Anreiz, zu sparen. Die Heizkostenverordnung sorgt für eine bessere Abrechnung und Information in vermieteten Gebäuden. In einigen Fällen ist die Heizkostenabrechnung so umfangreich, dass sich eine individuelle Beratung empfiehlt, um sie zu verstehen. Eine kostenlose Beratung dazu gibt es in den Verbraucherzentralen. 

Strom nicht mehr aus Gas: Etwa 15 Prozent trägt Gas zur deutschen Stromversorgung bei. Dieser Anteil will das Bundeswirtschaftsministerium durch Kohle ersetzen. So lässt sich also auch Gas sparen. 

Fazit

Bleibt die benötigte Gasmenge im Herbst aus, steuert Deutschland in eine Rezession. Deshalb müssen Bürger und Unternehmen sparen und das heftig. Mittelfristig hilft nur der massive Ausbau der erneuerbaren Energieträger. Ganz nach dem Motto: Die Sonne schickt keine Rechnung.