Ausgerechnet jetzt, kurz vor der Hauptreisezeit, droht dem europäischen Luftverkehr ein Problem von historischem Ausmaß: ein massiver Kerosin-Engpass. Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) warnt eindringlich vor spürbaren Einschnitten im Flugangebot – und das zu einem Zeitpunkt, an dem Millionen Menschen ihren Sommerurlaub gebucht haben. Die Ursache liegt Tausende Kilometer entfernt: Der Iran-Krieg hat mehr als 80 Produktionsanlagen im Nahen Osten beschädigt, die Straße von Hormus ist blockiert, und 75 Prozent der europäischen Kerosin-Nettoimporte aus dem Mittleren Osten sind weggebrochen.

Die Lage spitzt sich dramatisch zu. Laut IEA-Chef Fatih Birol reichen die Kerosin-Vorräte in Europa nur noch für etwa sechs Wochen – eine Prognose, die selbst Branchenkenner erschüttert. Während die Lufthansa bereits 27 Flugzeuge stilllegt und Airlines wie KLM unrentable Verbindungen streichen, explodieren die Kerosinkosten auf bis zu 200 Dollar pro Barrel. Der BDL fordert nun einen Sieben-Punkte-Plan mit der Freigabe nationaler Reserven und zusätzlichen Durchleitungsrechten für das NATO-Pipeline-System. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob der Sommerurlaub 2026 tatsächlich in Gefahr ist.

Kerosin wird knapp: Luftverkehr vor kritischer Versorgungslage

Während die Sommerreisezeit unmittelbar bevorsteht, wächst die Besorgnis über einen drohenden Treibstoffmangel im europäischen Luftverkehr. Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) schlägt Alarm: Stockende Kerosin-Lieferungen könnten schon bald zu spürbaren Einschnitten im Flugangebot führen, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet.

"Das Ökosystem Tourismus ist in der Hauptreise- und Geschäftszeit bei ein- und ausreisenden Touristen auf den Luftverkehr angewiesen", betont BDL-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang gegenüber der "Welt am Sonntag". Die Branche befürchtet gravierende Auswirkungen auf die wichtigste Reisephase des Jahres.

Die Versorgungskrise hat ihre Wurzeln im anhaltenden Iran-Konflikt. Wie schnell sich die Situation entspannt, hänge maßgeblich von der Kriegsdauer ab, so der BDL. Selbst bei einem raschen Ende der Kampfhandlungen rechnen Experten nur mit einer langsamen Normalisierung der Energiemärkte. Nach Angaben des BDL sind im Nahen Osten mehr als 80 Produktionsanlagen teilweise schwer beschädigt – eine kurzfristige Rückkehr zum Vorkrisen-Niveau erscheint damit unrealistisch. Die Mineralölwirtschaft geht davon aus, dass noch für längere Zeit 20 Prozent der globalen Öl-Kapazität nicht verfügbar sein werden.

IEA warnt: Nur noch sechs Wochen Reserve

Besonders alarmierend sind die Einschätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA). Deren Chef Fatih Birol erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur AP, dass die Kerosin-Vorräte in Europa möglicherweise nur noch für etwa sechs Wochen reichen. Mehrere europäische Länder könnten in den kommenden sechs Wochen einer beginnenden Knappheit von Kerosin gegenüberstehen, warnte die in Paris ansässige IEA. Entscheidend sei, wie viel der ausgefallenen Lieferungen aus dem Mittleren Osten durch alternative Importe kompensiert werden könne. Bislang stammten 75 Prozent der europäischen Kerosin-Nettoimporte aus dieser Region.

Die Blockade der Straße von Hormus durch die Kampfhandlungen hat die Lage zusätzlich verschärft. Durch diese strategisch wichtige Meerenge können kaum noch Tanker passieren, der dpa zufolge. IEA-Direktor Birol zeichnete ein düsteres Bild: "Ich kann Ihnen sagen, dass wir bald die Nachricht hören werden, dass einige Flüge von Stadt A nach Stadt B aufgrund von Treibstoffmangel gestrichen werden." Er bezeichnete die aktuelle Situation als die größte Energiekrise mit massiven Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

Auch der europäische Flughafenverband ACI Europe sorgt sich infolge der durch den Iran-Krieg ausgelösten Energiekrise um ausreichend Kerosin. Wenn der Transit durch die Straße von Hormus nicht innerhalb der nächsten drei Wochen wieder aufgenommen werde, gehe man davon aus, dass eine Knappheit von Flugtreibstoff in der EU Realität werden dürfte, warnt Generaldirektor Olivier Jankovec in einem Brief an die Europäische Kommission.

Deutsche Produktion reicht nicht aus

Ersatz kommt derzeit hauptsächlich aus den Vereinigten Staaten, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) meldet. Allerdings können diese Lieferungen bislang nur rund die Hälfte der ausfallenden Mengen ersetzen. Es drohen niedrige Bestände und ein angespannter Markt über den gesamten Sommer hinaus. Die unzureichende Kompensation verschärft die ohnehin prekäre Versorgungslage weiter. Die Kerosinkosten sind infolge des Iran-Kriegs von 85 auf bis zu 200 Dollar pro Barrel explodiert, was Airlines wie Thai Airways, Cathay Pacific und Air New Zealand bereits zu massiven Preiserhöhungen bei den Ticketpreisen zwingt.

Die heimische Kerosin-Produktion kann den Bedarf nicht decken. Laut Zahlen des Energieverbands en2x wurden 2024 von den rund 9 Millionen Tonnen in Deutschland abgesetzten Kerosins etwa 5,9 Millionen Tonnen importiert – vornehmlich aus dem Nahen Osten. Deutsche Raffinerien stellten im gleichen Zeitraum 4,8 Millionen Tonnen her, von denen jedoch 1,6 Millionen Tonnen exportiert wurden, der dpa zufolge. Diese Zahlen verdeutlichen die hohe Importabhängigkeit der deutschen Luftfahrtbranche.

Airlines haben bereits auf die angespannte Lage reagiert. Fluggesellschaften wie KLM oder SAS haben unrentable Verbindungen aus ihrem Programm gestrichen, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet. Der Lufthansa-Konzern lässt 27 Flugzeuge der Regionaltochter Cityline am Boden stehen und plant, weitere Spritfresser zum Winterflugplan ab Ende Oktober aus der Flotte zu nehmen. Wegen hoher Kosten für Kerosin und der fortgesetzten Streiks schließt die Lufthansa ihre Regionaltochter Cityline komplett. Der BDL betrachtet solche Maßnahmen lediglich als ersten Schritt in einer längeren Anpassungsphase.

Sieben-Punkte-Plan als Gegenmaßnahme

An konkreten Gegenmaßnahmen schlägt der Verband – ebenso wie der europäische Airlineverband A4E – eine engmaschige staatliche Überwachung der vorhandenen Kerosin-Mengen vor, der dpa zufolge. Zudem sollten nationale und europäische Reserven freigegeben werden. Helfen könnten auch zusätzliche Durchleitungsrechte für das sogenannte NATO-Pipeline-System beziehungsweise das Central Europe Pipeline System, um die Flughäfen in Frankfurt, Köln/Bonn, München und Zürich besser mit Treibstoff versorgen zu können. Diese Infrastruktur könnte kurzfristig Engpässe abfedern.

Die Branche fordert darüber hinaus in der Krise eine Entlastung von Steuern und Abgaben. Ein besonders umstrittener Vorschlag würde jedoch zulasten der Passagiere gehen: Der BDL möchte erreichen, dass Flugausfälle oder Verspätungen aufgrund von Spritmangel als "außergewöhnliche Umstände" bewertet werden, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) meldet. In solchen Fällen müssten dann keine Entschädigungen nach der EU-Passagierrechtsverordnung gezahlt werden. Diese Forderung dürfte bei Verbraucherschützern auf erheblichen Widerstand stoßen.

Folgende Maßnahmen umfasst der Forderungskatalog der Luftverkehrswirtschaft im Überblick:

  • Engmaschige staatliche Überwachung der Kerosin-Bestände
  • Freigabe nationaler und europäischer Treibstoffreserven
  • Zusätzliche Durchleitungsrechte für NATO-Pipeline-System
  • Steuerliche Entlastungen für die Luftfahrtbranche
  • Bessere Versorgung der Hauptverkehrsflughäfen
  • Anerkennung von Spritmangel als außergewöhnlicher Umstand
  • Koordinierte europäische Notfallplanung

Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen ausreichen, um größere Verwerfungen im Flugverkehr zu verhindern. Fest steht: Die Sommerreisesaison steht unter keinem guten Stern, und Fluggäste müssen sich möglicherweise auf Einschränkungen einstellen. sl/mit dpa