Viele Studenten kennen das: Das Referat ist eigentlich gut vorbereitet. Und dennoch gerät der Auftritt vor dem Seminar zur gefühlten Katastrophe. Die Stimme ist brüchig, die Hände hektisch, die Knie schlottern. Anstatt souverän vorzutragen, was man sich erarbeitet hat, fühlt man sich wie das Kaninchen vor der Schlange.
Bei Angst vor Referaten lautet der Rat des Diplompsychologen Reinhard Franke: üben und sich bewusst machen, was im Körper passiert, wenn sich Angst breitmacht. Franke leitet an der Freien Universität Berlin den Kurs "Redeangst bewältigen". Dort halten die Teilnehmer in jeder Sitzung ein Kurzreferat. Thema kann ein Lieblingsfilm, ein Buch oder ein Theaterstück sein. Die Vorbereitungszeit für das Referat beträgt 20 Minuten, die Zeit für die Präsentation sechs: "Man muss nicht stundenlange Referate halten, um das zu üben", sagt Franke. "Die kritische Phase liegt im Anfang."

Am Anfang eines Referates ist die Aufmerksamkeit der Zuhörer besonders hoch - ebenso wie der eigene Pulsschlag.

Alle Blicke sind auf einen gerichtet, das Blut schießt einem in die Wangen, die Hände werden feucht und Unsicherheit macht sich breit: Was ist, wenn die Stimme jetzt versagt, der Faden reißt, die Erwartungen der Zuhörer plötzlich unerfüllbar erscheinen? Vernünftige Argumente, dass man doch gut vorbereitet sei und die Zuhörer freundlich gesinnt, helfen in dieser Situation oft nicht weiter, erklärt die Hamburger Kommunikationstrainerin Marion Klimmer: "Kognitive Einsichten nutzen nichts."

Die Pädagogin erklärt das mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung: Während der Verstand sachlich argumentiert, seien Emotionen, wie Angstgefühle in einem älteren Hirnareal, dem limbischen System, organisiert. Eigentlich, so Klimmer, habe es die Natur gut mit uns gemeint, als sie Gefühlshirn und Großhirn voneinander trennte: "Es geht darum, in Gefahrensituationen ohne Umschweife und Überlegungen reagieren zu können." Dumm nur, wenn die scheinbare Gefahrensituation nichts weiter ist als das erste Referat, das man an der Universität halten muss, das aber durch unangenehme Vorerfahrungen als Belastung empfunden wird.

Marion Klimmer hat ihren eigenen Weg gefunden, sich auf Vorträge mit möglicherweise kritischen Zuhörern vorzubereiten:


"Um alle Gehirnareale miteinander zu vernetzen, höre ich entspannende Musik und bewege dazu meine Augen zehn bis zwanzigmal von rechts nach links. Das geht auch noch kurz vor dem Auftritt." Ziel dieser Methode sei es, die schnelle, ausbalancierende Wirkung von Träumen auf den wachen Zustand zu übertragen: Der traumreiche REM-Schlaf ist nämlich ebenfalls durch schnelle Augenbewegungen gekennzeichnet. Dafür steht auch die Abkürzung REM - "Rapid Eye Movement".

Auch andere Selbsthilfetechniken dienen dazu, belastende Emotionen und einschränkende Glaubenssätze wie "Ich kann das nicht" loszuwerden. Die Auftrittstrainerin Fee Rojas aus Hannover empfiehlt etwa die Klopftechnik aus der Energetischen Psychologie: "Man kann damit aktiv und unabhängig von anderen an seinen persönlichen Emotionen arbeiten." Dabei werden bestimmte Akupunkturpunkte beklopft und positive Affirmationen ausgesprochen. Aber sieht das für einen Studenten nicht esoterisch und albern zugleich aus?

"Wer große Angst hat, probiert eine Menge aus", erläutert Rojas. Für die Trainerin gibt es nicht den einen Lösungsweg, sondern unterschiedliche Methoden, die je nach Typ, Stressfaktor und Vorbelastung unterschiedlich gut passen: "Beim ersten Unireferat sind wir ja längst kein unbeschriebenes Blatt mehr." Vielmehr schwängen Erinnerungen an Auftritte in Kindergarten, Schule und Elternhaus mit. Dazu gehöre etwa das erste Gedicht, das vorgetragen werden musste.

Zu diesen Vorerfahrungen kommen Ängste, die mit einer modernen Massenuniversität zusammenhängen, weiß Diplompsychologe Franke. "An der Universität gibt es viele Leute, die klug reden. Das schraubt die Erwartung an einen selbst hoch." Zumal der Vortrag vor einem größeren Publikum gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften als Teil der universitären Ausbildung verstanden werde. Für diejenigen, die beim Referat nicht so agieren können, wie sie wollen, sei ein Training der richtige Weg. Für alle, die unter einer sozialen Phobie leiden, bleibe die Einzeltherapie.

Referate zu vermeiden, sei das Schlimmste, weiß Franke. Kursteilnehmer, die es schaffen, nur mit ein paar Stichworten in der Hand zu referieren und das hinterher womöglich noch im Video anzusehen, sind einen Riesenschritt weiter. Ob sie beim Referat Glücksbringer drücken, ein Glas Wasser trinken oder sich die Zuhörer in Unterwäsche vorstellen, ist dem Psychologen egal. "Wir geben keine Anleitungen vor." Nur den Tipp, sich den Präsentationsraum genau anzusehen, sich gut vorzubereiten und das Referat schon einmal vorab im privaten Kreis zu halten: "Das Hauptelement ist üben."

Last Minute Tipps für das Referat

Studenten sollten, wenn sie mit dem Referat beginnen, nicht mehr an sich zweifeln. Wichtig sei es, nun zu seinem Können auch zu stehen, rät der Auftrittscoach Michael Bohne. Oft helfe es auch, sich sein reales Alter bewusst zu machen. Als Student sei man oft schon 20 Jahre oder älter und habe dementsprechend viel erlebt. dpa