• 40 Prozent der Ausbildungsplätze sind Ladenhüter
  • Wie die Corona-Pandemie den Ausbildungsmarkt verändert
  • Ausbildungsgarantie ja, aber anders als die Politik sie plant

Im Interview mit inFranken.de berichtet Prof. Bernd Fitzenberger, Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (IAB), davon, warum die Betriebe auf nahezu 40 Prozent ihrer angebotenen Ausbildungsplätze sitzen bleiben und warum die Jugendlichen durch die Corona-Pandemie ziemlich verunsichert sind. Das IAB ist die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit.

inFranken.de: Nahezu 40 Prozent der Ausbildungsplätze blieben in 2021 unbesetzt, sagt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung...

Prof. Bernd Fitzenberger: "Das ist ohne Zweifel ein hoher Wert und eine deutliche Erhöhung der unbesetzt gebliebenen Ausbildungsangebote, aber auch vor der Pandemie blieben viele Ausbildungsplätze unbesetzt.

Zu Beginn der Pandemie haben die wenigstens damit gerechnet, dass wir auf Bewerberseite so gravierende Probleme bekommen. Allerdings ist schon vor der Pandemie das Interesse der Betriebe an Auszubildenden gestiegen, das der Jugendlichen an einer betrieblichen Lehre hat abgenommen. Das war allerdings ein schleichender Prozess, der jetzt in seiner Dramatik offen zutage getreten ist."

Es gab aber schon Signale...

"Ein starkes Indiz für die Verschiebungen war, dass die Zahl der neuen Studierenden die der Neustarter mit Ausbildungsverträgen übertroffen hat.

Das Interesse an einem Studium ist gestiegen, auch der Anteil der Schulabgängerinnen und -abgänger, die ihr Abitur machen, ist deutlich gewachsen. Das hat natürlich den Trend zum Studium nochmals befördert. In der Pandemie sind wir jetzt deutlich unter 500.000 jährlichen Neustartern, das ist keine gute Entwicklung für den Wirtschaftsstandort Deutschland."

Wie bewertet das IAB den Aufwuchs bei den schulischen Ausbildungen im sozialen Bereich?

"Wir sehen, dass immer mehr Jugendliche sich an beruflichen Fachschulen ausbilden lassen. Erziehungs- und Pflegeberufe sind dafür ein Beispiel. Auch wenn diese Jugendlichen natürlich an anderer Stelle fehlen, deckt dies den Fachkräftebedarf in wichtigen Bereichen."

Und dann kam die Corona-Pandemie…

"In wirtschaftlich schwierigen Zeiten verändert sich der Markt und verschieben sich die Berufe. Jugendliche sind derzeit stark verunsichert und sehen nicht mehr, wo ihre berufliche Zukunft liegen könnte. Sie warten daher lieber ab.

Durch Angebote im Schulsystem oder im Übergangsbereich ist das auch relativ leicht umzusetzen. Aber: gerade die schulischen Möglichkeiten zur Verbesserung der eigenen Bildung, beispielsweise das Fachabitur, verstärken den Weg in die akademische Ausbildung."    

Traut sich die Jugend durch die Corona-Krise nicht?

"Ja, das kann man an den Zahlen ablesen: Berufsangebote in der Gastronomie sind ausgesprochen schwer zu besetzen. Es gibt unbesetzte Ausbildungsplätze, obwohl die Branche ihr Angebot drastisch zurückgefahren hat. Die Jugendlichen trauen sich einfach nicht in diesen Bereich, das ist Ausdruck von Verunsicherung."

Fehlt den Jugendlichen was?

"Das merkt man an der Situation in den Abschlussklassen. Die war in den letzten beiden Jahren extrem schwierig und auch dieses Jahr bleibt es schwierig. Viele Schülerinnen und Schüler hatten und haben Angst um ihre Abschlüsse. Praktika, Berufsberatung oder die Berufsorientierung haben stark gelitten.

Es war für viele schwer, Pläne für die berufliche Zukunft zu entwickeln. Viele Jugendliche stecken in einem Entscheidungs-Dilemma. Wählen sie einen Ausbildungsplatz, dann müssen sie sich in einer Krisensituation konkret für einen Beruf und einen Betrieb entscheiden und das in einem relativ frühen Lebensalter. Das fällt vielen schwer. Lieber ist vielen Jugendlichen, sich möglichst viele Optionen offenzuhalten, deshalb kommt ihnen ein verlängerter Schulbesuch oder das Studium sehr entgegen. Aufschieben von schweren Entscheidungen, das nimmt zu."

Irgendwo müssen die Schulabgänger in den letzten zwei Jahren ja geblieben sein: Wissen sie, genaueres?

"Die zwei betroffenen Abiturientenjahrgänge sind deutlich schneller und vermehrt an die Hochschulen gegangen, ein Gapyear spielt ein große Rolle und nur ein kleiner Teil geht in eine betriebliche Ausbildung.

Die Abgängerinnen und Abgänger aus anderen Schulformen könnten im Schulsystem geblieben sein und ihre Bildungsabschlüsse verbessert haben. Die Maßnahmen der Agentur für Arbeit sind nicht deutlich angewachsen. Die Datenlage in diesem Bereich ist aber auch schwierig."

Hat die Attraktivität der Lehre abgenommen?

"Viele betriebliche Berufe werden von Abiturientinnen und Abiturienten, die die Mehrheit in einem Jahrgang repräsentieren, als nicht konkurrenzfähig wahrgenommen, scheinen inhaltlich zu eng geschnitten und zu wenig Entwicklungsperspektiven zu bieten.

Das ist ein Imageproblem, das jetzt in der Krise auch als deutliche Schwäche erkennbar ist. Die Betriebe versuchen klarzumachen, dass es auch nach einer Lehre beruflich weitergehen kann. Aber die aufgezeigten Wege sind offenbar noch nicht überzeugend genug."

Sie sagen, viele Jugendlichen gehen lieber Jobben als in eine Ausbildung. Ist das ein neuer Trend?

"Nein, der Anteil der Ungelernten ist schon seit Jahren hoch. Wir schaffen es kaum, diese Menschen für eine Berufsausbildung zu gewinnen. Wir haben die große Gruppe von 2,16 Mio. Ungelernten bis 35 Jahren viel zu wenig im Fokus.

Wir müssen erkennen, dass wir 10 bis 20 Prozent an einem Jahrgang, vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund, Geflohene, aber auch Jugendliche ohne Migrationshintergrund, keine attraktiven und gangbaren Ausbildungsoptionen eröffnen. Und wenn gleichzeitig immer weniger Interessenten für eine duale Ausbildung zur Verfügung stehen, dann können wir uns das schlicht nicht leisten. Gerade wenn die Fachkräfte fehlen, muss sich an dieser Stelle einiges ändern."

Sind Ungelernte schwerer für Bildung zu motivieren?

"Wir tun uns sehr schwer, 25- bis 34-Jährige noch in eine Ausbildung zu bringen. Wenn es einen aufnahmebereiten Arbeitsmarkt für ungelernte Kräfte gibt, wie in den letzten Jahren vor der Corona-Pandemie, dann ist es nicht so einfach, Ausbildungsmotivation zu erzeugen. Das bedeutet ja auch einen Einkommensverzicht während der Ausbildung und das können sich viele einfach nicht leisten."

Könnte die von den Ampelkoalitionären geplante Ausbildungsgarantie da helfen?

"Die ist ja im österreichischen Bildungssystem entstanden. In unserem Nachbarland schafft man es, Jugendliche, die ohne Ausbildungschance sind, zunächst an einem außerbetrieblichen Lernort aufzunehmen. 42 Prozent von ihnen schaffen dann schon im ersten Jahr den Sprung in eine betriebliche Ausbildung. Der deutsche Übergangsbereich hat dieses Ziel zwar auch, schafft es aber nicht in großem Umfang Übergänge während des ersten Jahrs in die betriebliche Ausbildung möglich zu machen."

Also fordern Sie der Ausbildungsgarantie eine etwas andere Zielorientierung zu geben...

"Wenn nahezu 40 Prozent der angebotenen Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, dann kann die Ausbildungsgarantie für den 'normalen' Ausbildungsmarkt nur eine begrenzte Wirkung entfalten. Aber sie kann den Mismatch zwischen Bewerbenden mit nicht so optimalen Voraussetzungen und Betrieben, die ihre Angebote erfolglos anbieten, angehen.

Und wenn es Regionen wie in NRW gibt, in denen das betriebliche Ausbildungsgebot nicht ausreicht, dann kann die Ausbildungsgarantie auch direkt wirken. Das wäre eine partielle Verschiebung oder Erweiterung des Angebots. Und eine klare Ansage an junge Leute: egal wer ihr seid, woher ihr kommt, der Ausbildungsmarkt gibt euch eine echte Perspektive."

Ein zögerlicher Nachwuchs und ein wachsender Fachkräftemangel, das passt irgendwie nur schwer zusammen, oder?

"Der Fachkräftemangel wird dafür sorgen, dass die Betriebe die Berufsausbildung attraktiver machen. Sie müssen sich etwas einfallen lassen: bessere Berufsaussichten, höhere Entgelte und attraktivere Arbeitsbedingungen.

Auch die Auswahlkriterien für die Einstellungen von Jugendlichen stehen auf dem Prüfstand. Da können auch die vielfältigen Unterstützungsprogramme wieder mehr helfen. Aber im Kern muss der potenzielle Nachwuchs die Berufe als attraktiv ansehen, sonst wird das nichts."

Was muss Ihrer Ansicht nach passieren, damit die Jugend bei der betrieblichen Berufsbildung wieder Tritt fasst?

"Bei den Karriereperspektiven muss sich einiges tun, insbesondere bei Abiturientinnen und Abiturienten, die für das duale System gewonnen werden sollen. Und am anderen Ende des Leistungsspektrums muss eine Ausbildung auch für schwächere Jugendliche möglich sein. Und zwar für alle, die bisher ungelernt bleiben.

Da müssen wir über Förderprogramme sprechen, zum Beispiel über eine Renaissance der Einstiegsqualifizierung (EQ). Auch die Ausbildungsgarantie, richtig aufgesetzt, kann helfen. Und wir müssen über niedrigschwellige Ausbildungsberufe reden, die einen erleichterten Einstieg in den Arbeitsmarkt zulassen."