Digitaler, unkomplizierter, zügiger - und preiswerter: Das sind die Bestrebungen einer umfassenden Führerschein-Reform in Deutschland. Fahrschüler sollen ihre Ausbildungsfahrten auch mit ihren Eltern absolvieren können. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) konkretisierte nach einer Arbeitsgruppe von Bund und Ländern Vorschläge, die er im vergangenen Oktober gemacht hatte. Kein Vorschlag beeinträchtige die Verkehrssicherheit, sagte Schnieder. "Das ist und bleibt die rote Linie."

"Der Führerschein ist in Deutschland schlichtweg zu teuer", sagte der Minister in Berlin. Die Ausgaben für einen Pkw-Führerschein lägen im Durchschnitt bei etwa 3.400 Euro. In der Spitze gehe das bis auf 4.000 oder 4.500 Euro in einzelnen Regionen hoch. "Das ist für Jugendliche oder Berufseinsteiger ein erheblicher Betrag, für manche unerschwinglich." Wenn man an Familien mit zwei oder drei Kindern denke, erkenne man das Ausmaß der Kosten. Deshalb solle die Fahrausbildung so reformiert werden, dass die Ausgaben sinken.

Führerschein-Reform soll kommen: Wie viel lässt sich wirklich sparen?

Aber wie viel lässt sich dadurch sparen? In Luxemburg koste der Führerschein im Durchschnitt 1.500 Euro, in Belgien und Österreich 2.000 Euro. Ist das auch für Deutschland ein realistisches Preissegment? Dazu lohnt sich eine genauere Betrachtung:

  • In Deutschland könnten Fahrten mit den Eltern laut dem BR vorsichtig geschätzt circa fünf Übungsstunden ersetzen. Rechnet man mit einem Stundensatz von 70 Euro, könnten sich Fahrschüler so demnach 350 Euro sparen. 
  • Anstelle von aktuell fünf Überlandfahrten, vier Autobahnfahrten und drei Nachtfahrten will der Verkehrsminister die Stunden auf drei Pflichtstunden kürzen. Diese Sonderfahrten sind oft teurer - geht man also von einem Preis von circa 80 Euro pro Stunde aus, ließen sich dadurch mehr als 700 Euro sparen. 
  • Anstelle von Theorieunterricht in extra angemieteten Räumen, könnte dieser künftig auch online, beispielsweise per App, stattfinden. Die Mietkosten würden dann entfallen - eine Ersparnis für die Fahrschulen, die sich auch in den Geldbeuteln der Fahrschüler und ihrer Eltern bemerkbar machen könnte. 
  • Insgesamt geht der BR davon aus, dass die Maßnahmen die Führerscheinkosten hier in Deutschland wieder an die 2000er-Marke rücken könnten.

Reform des Führerscheins in Deutschland: Diese Punkte sind geplant:

Kernpunkte der Reform: In Deutschland sei über Jahrzehnte ein hochkomplexes Regelwerk entstanden, das weit über das notwendige Mindestmaß hinausgehe, sagte Schnieder mit Blick auf EU-Vorgaben. Das ist konkret geplant:

  • Digitaler Unterricht statt Präsenzpflicht: Künftig sollen sich die Fahrschülerinnen und Fahrschüler in allen Führerschein-Klassen das erforderliche theoretische Wissen ausschließlich online aneignen dürfen. Die Fahrschulen können weiterhin Theorieunterricht anbieten, müssen aber nicht. Sie sollen zudem auf Anmietung oder Erwerb von Schulungsräumen verzichten können. Fahrschüler, die ausschließlich online lernen, können sich zur theoretischen Prüfung anmelden - die Fahrschule übernimmt dann nur die praktische Ausbildung.
  • Weniger Bürokratie: Viele Vorgaben für Fahrschulen sollen gestrichen werden - zum Beispiel zu Unterrichtsräumen, Lehr- und Lernmitteln. Simulatoren: Simulatoren, die bereits jetzt zunehmend in Fahrschulen eingesetzt werden, sollen künftig als Option rechtlich verankert werden, es soll aber keine Pflicht zur Nutzung geben.
  • Weniger Fragen: Der Fragenkatalog für die theoretische Prüfung der Pkw-Führerscheinklasse B enthält derzeit 1.169 Fragen - er soll um knapp 30 Prozent reduziert werden.
  • Weniger Sonderfahrten: Beim Pkw-Führerschein sind bisher zwölf Sonderfahrten je 45 Minuten vorgeschrieben - Überland, Autobahn und Dunkelfahrt. Europarechtlich verpflichtend sind sie laut Ministerium aber nicht, deswegen soll ihre Zahl deutlich auf drei Sonderfahrten verringert werden - jeweils eine Überland-, Autobahn- und Dunkelfahrt.
  • Praktische Fahrprüfung: Bei der Klasse B beträgt die Fahrzeit aktuell 30 Minuten und die Prüfungsdauer 55 Minuten - Ein- und Ausparken etwa gehören nicht zur Fahrzeit. Die Fahrzeit soll nun auf das EU-Mindestmaß verringert werden, um mehr Prüfungen pro Tag durchzuführen und damit Wartezeiten zu verkürzen. Für Pkw soll die Mindestfahrzeit künftig 25 Minuten betragen, die Prüfungsdauer 40 Minuten.
  • Mehr Preistransparenz: Fahrschulen sollen Preise online verfügbar machen. Die Daten sollen dann Vergleichsportale aufbereiten können.
  • Fahrprüfer: Für die Abnahme der praktischen Prüfungen solle kein Diplomingenieur mehr erforderlich sein, so Schnieder. Auch dies habe teilweise zu Engpässen geführt. 

Bereits im Oktober hatte das Ministerium von einer "Experimentierklausel" gesprochen. "Nahestehende Personen" sollten in die Fahrausbildung einbezogen werden können - in der Regel dürften das die Eltern sein. Die Grundidee: Bereits im Rahmen der Fahrausbildung sollen Fahrschülerinnen und Fahrschüler deutlich mehr Fahrpraxis gewinnen - und damit besser auf die Prüfung vorbereitet werden. Das Stichwort: Laienausbildung.

Laienausbildung: Eltern sollen als "Fahrlehrer" fungieren

In Österreich werde dies erfolgreich gemacht. In dem nun vorgelegten Papier heißt es, die Regelung solle zeitlich befristet auf fünf Jahre eingeführt werden. Nach einer erfolgreichen theoretischen Prüfung und sechs Fahrstunden in der Fahrschule sollen Fahrschüler in der Laienausbildung 1.000 Kilometer Fahrpraxis in Begleitung sammeln, die per Fahrtenbuch festgehalten werden. Danach soll es wieder in die Fahrschule gehen, bei der dann unter anderem noch die Sonderfahrten gemacht werden.

Für Laienausbilder sollen Anforderungen gelten - so müssen sie den Pkw-Führerschein seit mindestens sieben Jahren besitzen und dürfen nicht mehr als einen Punkt in Flensburg haben. Kein neues Preisschild Es hänge kein "festes Preisschild" an der Reform, sagte Schnieder. Die Kosten richteten sich auch danach, welche Fahrschule welche Maßnahmen umsetze. Der Minister nannte als Beispiel aber Luxemburg und Belgien - die Länder hätten dieselben EU-Vorgaben. Und auch in Österreich läuft es ähnlich.

Seit den Ankündigungen Schnieders, dass der Führerschein günstiger werden solle, ist laut Fahrlehrerverbänden in vielen Fahrschulen die Zahl der Anmeldungen eingebrochen. Viele potenzielle Fahrschüler warten ab, bis der Führerschein erschwinglicher wird. Der Minister hofft auf eine Einigung auf ein Reformpaket bei der Verkehrsministerkonferenz mit den Ländern Ende März. Danach könnten rechtliche Änderungen auf den Weg gebracht werden.

TÜV übt Kritik: Pauschale Absenkung der Anforderungen nicht zielführend

Viele Fahrschülerinnen und Fahrschüler scheitern in der Theorie- und Praxisprüfung - das treibt die Kosten. Im vergangenen Jahr fielen 44 Prozent durch die Theorieprüfung und 37 Prozent durch die praktische Prüfung.

Das zeigt ein aktueller Datenreport des Tüv-Verbands. Die Zahlen beziehen sich auf den Pkw-Führerschein der Klassen B und B17 - B17 steht für begleitetes Fahren ab 17. Jede nicht bestandene Prüfung bedeute eine zusätzliche mentale, finanzielle und zeitliche Belastung für die Betroffenen, sagte Richard Goebelt, Fachbereichsleiter Fahrzeug und Mobilität beim Tüv-Verband.

"Wer den Führerscheinerwerb effizienter und kostengünstiger gestalten will, muss alles daransetzen, den ersten Prüfungsversuch zum Erfolg zu machen." Kritisch bewertet der Verband Vorschläge, die auf eine pauschale Absenkung von Anforderungen zielten – etwa bei der Fahrzeit, Prüfungsdauer und im Fragenkatalog. Es dürfe keine "Fahrprüfung light" geben, bei der Effizienz vor Gründlichkeit stehe. Das bisher erreichte Sicherheitsniveau bei der Fahrausbildung könne mit den von Schnieder geplanten Maßnahmen nicht gehalten werden.

mit dpa

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